Lesezeit 12 Min
Gesellschaft

Ausgelöschte Normalität

Die öffentliche Aufgeregtheit über verschiedene Fälle von sexueller Gewalt offenbart, dass die Gesellschaft tief gespalten ist in der Frage, ob das Prinzip „Nein heißt Nein“ gelten soll.

HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL
von
Claudia Voigt
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Gesellschaft

Titelbild

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Wenn über das Thema sexuelle Gewalt so viel geschrieben und geredet wird wie in den vergangenen Wochen, kann zwischen all den Nachrichten, Meinungen und Gemeinheiten leicht verloren gehen, welches Grauen sich hinter dem Begriff verbirgt. Eine 23-jährige Frau aus Stanford in Kalifornien, die im Januar 2015 bewusstlos hinter einem Müllcontainer vergewaltigt worden war, hat in Worte gefasst, was mit ihr geschehen ist. Sie verlas denvor Gericht und wandte sich direkt an den drei Jahre jüngeren Vergewaltiger. "Du kennst mich nicht, aber du bist in mir drin gewesen, und deshalb sind wir heute hier."

Die junge Frau beginnt ihre Erzählung mit der Schilderung des Abends vor der Tat, eines Samstagabends, ihre jüngere Schwester war übers Wochenende zu Besuch, der Vater hatte Essen zubereitet, alles ganz normal, eine Normalität, die kurze Zeit später wie ausgelöscht war. Die junge Frau ließ sich von ihrer Schwester überreden, sie auf eine Party zu begleiten, und auf dem Weg dorthin neckte ihre Schwester sie noch, dass sie wie eine Bibliothekarin aussehe, weil sie eine beigefarbene Strickjacke trug.

Als die junge Frau nach Stunden der Bewusstlosigkeit im Krankenhaus zu sich kam, trug sie keinen Slip mehr, nur eine dünne, lange Hose, die man ihr im Krankenhaus angezogen hatte. Später…

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Nr. 25/2016