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Kultur

Auftrag: Erschütterung

Ihre Väter sind Botho Strauß, Hans Magnus Enzensberger. Sie wollen eine neue „Gruppe 47“ gründen. Mit Pathos, Streitlust, Offenheit. Simon Strauß und Theresia Enzensberger haben ihre ersten Bücher geschrieben.

STEFFEN JAENICKE / DER SPIEGEL
von
Volker Weidermann
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Kultur

Ein junger Mann schleicht heimlich in der Nacht in eine Bibliothek und trägt den eigenen Namen in ein Buch seines Vaters ein. Warum? Warum nicht ein eigenes Buch schreiben? Warum nicht in die Welt treten als neuer, unabhängiger, freier Mensch?

Der Berg der Traditionen wird höher und höher, je später wir geboren werden. Wie hoch müssen wir steigen, um selbst neu zu beginnen? Was muss man kennen, um nicht als Naivling die Bühne zu betreten? Wie viel Altes muss man gelesen haben, um zu wissen, was heute noch neu ist?

"Das hier schreibe ich aus Angst", so Simon Strauß, 28. "Ich will die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen", schreibt Theresia Enzensberger, 30. Beide veröffentlichen in den kommenden Tagen ihr erstes Buch: Strauß ein literarisches Manifest über die Sehnsüchte eines jungen Mannes von heute, Enzensberger einen Roman über eine junge Frau in der Bauhaus-Kunstschule in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts.

Es sind beides Bücher gegen eine imprägnierte Welt. Imprägniert mit Egal, Ironie, Zynismus, Haben-wir-immer-schon-so-gemacht, Routine, Betonfloskeln, Gleichgültigkeit. Es sind Aufbruchswerke. Das verbindet die zwei Bücher. Und ihre Autoren sind durch ihre Herkunft miteinander verbunden. Sie sind Schriftstellerkinder, die Spuren, in denen sie gehen oder aus denen sie fliehen, sind auch Vaterspuren. Sie sind die Kinder von Botho Strauß, von Hans Magnus Enzensberger, zwei Männern, die die deutsche Literatur und die deutschen Geistesdebatten der vergangenen Jahrzehnte geprägt haben wie wenige andere. Hier kommen die Neuen, Strauß und Enzensberger II. Sie fangen jetzt an.

"Uns fehlt das Feuer. Der Mut. Wir ewigen Zweiten. Die wir nachts heimlich die eigenen Namen in die Bücher unserer Väter schreiben, in der Hoffnung, das Erbe gäbe uns Kraft." Das schreibt Simon Strauß in seinem Buch "Sieben Nächte". Das klingt verzagt. Das…

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Nr. 28/2017