Lesezeit 20 Min
Fernweh

Auf der Putin-Allee

Eine Reise durch den Osten des Kontinents. Siebte Etappe: von der Krim bis Tschetschenien.

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Navid Kermani
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Fernweh

Kermanis Reise (VII) Im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichte der SPIEGEL eine vierteilige Reportage des Kölner Schriftstellers Navid Kermani über seine Exkursion in den Osten Europas. Sie begann in Schwerin und führte bis in die Ukraine. Im Januar nun setzte er seine Expedition entlang des Risses fort, der sich dort zwischen Ost und West auftut: von der Krim bis in den Kaukasus.

Fünfter Tag

Das Erste, was wirklich anders in Russland ist, sind die Radarkontrollen. Die flache Landschaft ohne jeden Hügel oder Baum, die Gesichter, die Schriftzeichen und Leuchtreklamen, die Kriegsdenkmäler, Fahnen und Putin-Plakate, die Automarken, Nummernschilder und selbst die patriotischen Aufkleber – "Danke, Opa, für den Sieg!" –, das ist alles gleich geblieben, seit wir aufs Festland übergesetzt sind. Doch plötzlich hält sich unser Fahrer Ernes an die Geschwindigkeitsbegrenzungen, die in kurzem Abstand angezeigt werden. Auf der Krim ist er unbesorgt gerast. Nach der Annexion seien zwar die Hauptstraßen auf der Krim saniert, aber keine Starenköpfe aufgestellt worden, erklärt er; so gut funktioniere der Staat zum Glück noch nicht.

"Und in Russland funktioniert er?", frage ich.
"Besser jedenfalls als in der Ukraine", antwortet Ernes, der die Annexion wie fast alle Krimtataren ablehnt.

Kaum gesagt, winkt uns ein Polizist zur Seite, der eine astronautendicke Uniform mit Fellmütze, Ohrenschützern und signalgelber Weste trägt. Im russischen Winter fühlt man mit jedem mit, der im Freien arbeiten muss.

"Du bist doch gar nicht zu schnell gefahren", sehe ich bereits das Unrecht herrschen, als unser Wagen auf den Standstreifen rollt.
"Ich habe beim Überholen eine durchgezogene Linie überquert", beteuert Ernes seine Schuld, als ob's ein Schauprozess wäre: "Das wird noch teurer."

Als er wieder einsteigt, hat Ernes 3000 Rubel bezahlt, umgerechnet 50 Euro, ein Sechstel seines Monatseinkommens. Dennoch ist er erleichtert, weil der Polizist zunächst den Führerschein einziehen wollte. Das sei allerdings nur eine Drohung gewesen, um ins Geschäft zu kommen, meint Ernes.

"Woran hast du das gemerkt?", frage ich.
"Er hat sich in aller Ruhe meine Papiere angesehen, während er mit mir sprach, erst den Führerschein, dann den Fahrzeugschein, schließlich den Personalausweis. Spätestens dann weiß man, dass man fragen muss, ob es noch eine andere Lösung gibt. Wenn er gleich das Formular herausholt, ist nichts zu machen."
"Ich dachte, das gäb's nur in der Ukraine."
"In der Ukraine kannst du über den Betrag verhandeln, das ist der Unterschied. In Russland musst du ihn einfach akzeptieren."

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Nr. 10/2017