Lesezeit 12 Min
Geschichte

Auf dem Weg in die Schande

Vor fast 60 Jahren wurde Dorothy Counts auf dem Weg zur Highschool von einem weißen Mob drangsaliert. Was hat sich seitdem geändert?

TRAVIS DOVE / DER SPIEGEL
von
Philipp Oehmke
Lesezeit 12 Min
Geschichte

Es ist ein Dokument von offenkundigem Rassismus, ein Schwarz-Weiß-Foto, fast auf den Tag 60 Jahre alt, es sieht aus, als käme es aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Amerika.

Es zeigt die damals 15-jährige Dorothy Counts. Sie ist auf dem Weg zur Schule, ihr erster Tag an der Harding Highschool, Dorothy soll die erste schwarze Schülerin werden. Doch als ihr Vater Dorothy vor der Schule absetzt, warten dort Hunderte ihrer neuen Mitschüler auf sie, weiße Jungen und Mädchen, die meisten zwischen 15 und 17 Jahre alt. Sie machen Grimassen, sie beschimpfen, bespucken und bewerfen Dorothy.

Ein Fotograf der Lokalzeitung hielt die widerwärtigen Szenen fest, eine seiner Aufnahmen wurde als World Press Photo 1957 ausgezeichnet. Das Foto ging um die Welt, in Paris sah es der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin auf den Titelseiten und beschloss daraufhin, Frankreich nach neun Jahren wieder zu verlassen und in seine Heimat zurückzukehren. Sie brauchten ihn dort. Die Abscheulichkeiten auf dem Bild zeigten deutlich, das Land war moralisch in Not.

Und heute?

Wieder gehen Fotos aus Amerika um die Welt. Wieder geht es um Rassismus. Fackelzüge, Nazisymbole, Schlagstöcke und ein Auto, gelenkt von einem 20-jährigen Weißen, das in eine Menge aus Menschen rast, die gekommen sind, um gegen Rassismus zu demonstrieren.

Und dann gibt es das Bild eines Präsidenten in der Marmorlobby seines eigenen Luxustowers in New York, der sich auf einer Pressekonferenz weigert oder ob seiner moralischen Ausstattung nicht in der Lage ist, Neonazis und Rassisten klar als Schuldige zu benennen – und somit der…

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Nr. 34/2017