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Gesellschaft

Arme Schweine

In deutschen Gefängnissen sitzen Hunderte Schleuser. Jetzt warten sie auf ihr Urteil – was ist dabei das richtige Maß? Unterwegs mit einem Pflichtverteidiger.  

TIM WEGNER / DER SPIEGEL
von
Dialika Neufeld
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Gesellschaft

An einem Freitagmorgen im August, um sieben Uhr früh, zieht die Polizei auf der A 3 beim Grenzübergang Neuhaus am Inn einen weißen Renault Master mit dem amtlichen rumänischen Kennzeichen SJ 10 YBN von der Straße. Der Wagen wirkt heruntergekommen, überladen, die Seitenscheiben sind schwarz lackiert, die Schiebefenster zehn Zentimeter geöffnet. Auf einer Pritsche, über die ein geblümtes Laken geworfen wurde, hocken Syrer, 17 Menschen drücken sich ungesichert in den Laderaum, fünf Kinder, drei Frauen, neun Männer, zwei weitere sitzen neben dem Fahrer.

Für sie ist es der Moment, in dem sie im Land ihrer Sehnsucht ankommen. Sie leben. Sie lächeln in die Kamera der Polizisten. Für Dan Andrei S., den Fahrer, ist es der Moment, in dem er zum Verbrecher wird. Kurz danach sitzt er in einer Gefängniszelle.

Anderthalb Monate später, an einem rotblauen Septembermorgen, wenige Stunden nachdem am Passauer Bahnhof die nächsten 600 Flüchtlinge aus dem Zug gestolpert sind, mit Rucksäcken, Koffern oder leeren Händen, steigt der Anwalt Markus Ihle mit Aktenkoffer in der einen und Trolley in der anderen Hand in den IC und macht sich auf den Weg von Passau nach Aschaffenburg. Dort, im Gefängnis, sitzen drei Männer, die ihn dringend sprechen möchten. Einer von ihnen ist Dan Andrei S., der Fahrer des weißen Renaults.

Ihle hat von diesen Männern Briefe bekommen, er bekommt oft Briefe aus dem Gefängnis in letzter Zeit, in krakeliger Schrift, übersetzt von Mithäftlingen, die etwas Deutsch verstehen: "Sehr geehrte Herr Markus Ihle; ich bin zur Zeit in der JVA Aschaffenburg. Wegen mein Situation möchte ich bitte hilfe", solche Sätze stehen darin. Ihle sammelt diese Briefe in roten Pappordnern in seiner Passauer Anwaltskanzlei. Die Absender sind mutmaßliche Schleuser, Männer, die Kleinkinder in Fußräume gestopft, Teenager im Kofferraum verstaut und syrische Großfamilien auf kleinsten Ladeflächen transportiert haben.

Sie haben sich in Bayern angestaut wie Plastik, das an der Engstelle eines Flusses hängen geblieben ist. Ihre Fracht ist längst auf Unterkünfte in ganz Deutschland verteilt. Die Chauffeure aber, meist Ungarn, Rumänen und Bulgaren, sind immer noch hier. Mehr als 2600…

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Nr. 46/2015