Lesezeit 28 Min
Gesellschaft

Arme Freiheit

Aus Angst vor Terror haben Behörden in diesem Jahr mehrere Großveranstaltungen abgesagt. Sicherheit geht vor. Wie sehr untergräbt das die Werte unserer Gesellschaft?

GÖTZ SCHLESER / DER SPIEGEL
von
Matthias Bartsch
,
Jan Friedmann
,
Michael Fröhlingsdorf
,
Hubert Gude
,
Martin Knobbe
,
Alexander Kühn
,
Dirk Kurbjuweit
,
Conny Neumann
,
Sven Röbel
,
Jörg Schindler
,
Fidelius Schmid
und
Steffen Winter
Lesezeit 28 Min
Gesellschaft

Es geht, in gewisser Weise, um Koffer, um zwei Typen von Koffern. Der eine ist ein Reisekoffer, handelsüblich, also wahrscheinlich aus Kunstfasern oder Plastik und mit Rollen. Der andere ist aus Metall und wird an das Handgelenk des Trägers gekettet.

Typ eins taucht hier - außer in einem Fall - nicht konkret auf, sondern als Symbol, als Symbol für Gefahr und Ängste. Jeder kennt die Durchsage auf dem Bahnhof oder dem Flughafen: Ein einsamer Koffer wurde gesichtet, der Besitzer soll sich sofort melden. Es sind die Momente, in denen die Welt im Kopf plötzlich eine Welt des Horrors wird. Eine Explosion, Blut, abgerissene Glieder, Schreie. Aber wahrscheinlich hat nur jemand seinen Koffer vergessen. Die Angst verschwindet, die Welt bleibt friedlich.

Typ zwei taucht hier konkret auf. Bei den sächsischen Sicherheitsbehörden werden geheime Informationen über die Sicherheitslage des Landes in einem Metallkoffer aufbewahrt und überbracht. Nur wenige Menschen dürfen in diesen Koffer hineinsehen. Einer von ihnen ist der Staatssekretär im Innenministerium, Michael Wilhelm. Er bewertete die Informationen in dem Koffer Anfang des Jahres so, dass er zwei Demonstrationen unterbinden ließ, aus Sorge vor Anschlägen.

Es geht, gleichsam, um den Inhalt dieser Koffer. In dem einen steckt die Lage, wie die Sicherheitsbehörden sie sehen, in dem anderen stecken unsere Bilder vergangener Attentate und unsere Ängste. Das zusammen bildet den Hintergrund für die Debatte über Sicherheit und Freiheit. Wie soll man diese beiden Prinzipien austarieren?

Seit Januar, seit dem Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt in Paris, scheint sich in dieser Debatte etwas zu verschieben. Seitdem haben die deutschen Sicherheitsbehörden mehrere Großveranstaltungen abgesagt: eine Demonstration von Pegida und die Gegendemonstration in Dresden; den Braunschweiger Karnevalsumzug, der Schoduvel genannt wird; das internationale Radrennen "Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt". Abgebrochen wurde zudem das Finale von Heidi Klums Fernsehshow "Germany's Next Topmodel" in der Mannheimer SAP-Arena.

Zudem durfte ein Wagen mit einem Motiv zu "Charlie Hebdo" beim Kölner Karneval nicht mitfahren. Und in Bremen herrschte für einen Tag Hysterie, weil die Sicherheitsbehörden vermuteten, Islamisten könnten mit 60 Uzi-Maschinenpistolen bewaffnet sein.

Eine solche Ballung angstbestimmter Reaktionen hat es in der Bundesrepublik lange nicht gegeben. Meist war es die Angst vor islamistischen Terroristen. Nur im Fall Heidi Klum hatte die Absage nicht eindeutig diesen Hintergrund. Es gab eine anonyme Bombendrohung.

Wenn Demonstrationen abgesagt werden, wenn ein Karnevalswagen nicht mitfahren darf, dann werden Versammlungs- und Meinungsfreiheit gegen Sicherheit getauscht. Wenn so viele große Veranstaltungen und Feste ausfallen, dann verändert die Angst den Alltag. Dann haben die Drahtzieher des Terrorismus einen Erfolg errungen. Ihre wichtigste Bombe ist eine mentale, sie steckt in den Köpfen.

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington haben viele Staaten ihre Sicherheitsgesetze drastisch verschärft, auch die Bundesrepublik. Meist geht es dabei um Kontrolle, die Kontrolle von Daten, von Bewegungen. Am Flughafen wird stärker kontrolliert, bei jedem größeren Event. Der Sicherheitscheck ist zur Alltäglichkeit geworden. Fremde Hände, die Körper abtasten, Blicke in Taschen, in Kulturbeutel.

Zäune, Absperrgitter. Schloss Elmau ist in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt worden, damit sich dort an diesem Wochenende die G 7 treffen können. Die Chefs der größten westlichen Demokratien werden abgeschottet, damit ihnen nichts geschieht. Wie Delegierte des Volkes sehen sie in diesen Tagen nicht aus.

Andererseits wirkt Deutschland so ruhig, so…

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Nr. 24/2015