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Politik

Angst vor dem Bürgerkrieg

Präsident Erdoğan verspricht, gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" vorzugehen, bekämpft aber vor allem deren Hauptgegner: die Kurdenmiliz PKK. Mit dem Ende des Friedensprozesses will er seine Macht sichern.

CHARLOTTE SCHMITZ / DER SPIEGEL
von
Maximilian Popp
und
Christoph Reuter
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Politik

Newal Bulut ist im Krieg aufgewachsen, und nun fürchtet sie, dass er zurückkehren könnte. Sie ist 27 Jahre alt, eine Grafikdesignerin aus der Kurdenhochburg Diyarbakır im Osten der Türkei, und sie sagt, dass sie sich manchmal frage: War diese Nacht im Juni, als die prokurdische Partei HDP auch dank türkischer Wähler ins Parlament einzog, nur ein schöner, viel zu kurzer Traum?

Newal Bulut hatte monatelang mit Selahattin Demirtaş gezittert, dem Kovorsitzenden der HDP. Sie hatte ihm bei Auftritten zugejubelt, bei Freunden und Verwandten geworben für den jungen Parteichef, der einen Wandel in der türkischen Politik nicht nur versprach, sondern auch verkörperte. Als Schülerin und Studentin hatte Bulut erlebt, wie Freunde, die für mehr Rechte für Kurden eintraten, als vermeintliche Terroristen verhaftet wurden. Der Erfolg der HDP bei der Wahl am 7. Juni, hoffte sie, könnte die Türkei zu einem friedlichen, pluralistischen Land werden lassen.

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HDP-Unterstützerin Bulut: „Ich war naiv“

Knapp zwei Monate später läuft Newal Bulut durch die Innenstadt von Diyarbakır, sie trägt schwarze Leggings, dunklen Nagellack, Piercing. Und sie läuft vorbei an gepanzerten Polizeiwagen, über ihr dröhnen Kampfjets. Regierungsgegner haben in der Nacht Barrikaden errichtet und Autos angezündet. "Kobane ist überall" und "Freiheit für Öcalan" steht an den Wänden. "Ich war naiv", sagt Bulut.

Jeden Abend wiederholt sich hier nun das gleiche Ritual: Gegen 21 Uhr steigen von der Militärbasis außerhalb der Stadt Kampfjets auf, um Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK im Nordirak und deren Ableger in Syrien zu bombardieren - und nur vereinzelt auch solche des "Islamischen Staats" (IS). Gleichzeitig setzen junge Kurden das Zentrum in Brand. Sie errichten Straßensperren, die Polizei antwortet mit Wasserwerfern und Tränengas. Die Demonstranten…

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Nr. 32/2015