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Politik

Amt und Würde

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entscheidet über das Schicksal von einer Million Flüchtlingen – und vielleicht auch über das der Kanzlerin. Nun wird es zur Hochleistungsbehörde umgebaut.

ESPEN EICHHÖFER / DER SPIEGEL
von
Alexander Smoltczyk
und
Wolf Wiedmann-Schmidt
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Politik

BAMF. Das klingt, als würde im Comic ein Superheld zuschlagen: BAMF! Ein dumpfer Schlag dahin, wo’s richtig wehtut. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Vor einem Jahr noch kaum ein Begriff. Dann kamen – BAMF! – über eine Million Migranten und Flüchtlinge ins Land, und jetzt hängen am Funktionieren dieses Amtes Schicksale, unter anderem: das Schicksal der Kanzlerin.

In seine Pförtnerloge hat sich Albert Adloff Fotos von Frank-Jürgen Weise und Georg Thiel gepinnt. Diese Herren sind neu hier, die meisten anderen kennt Adloff mit Vorund Zunamen. Da ist die imposante Dame mit der schweren Bobfrisur, seit über 30 Jahren im Amt und hier nur „die Gräfin“ genannt. Da sind die drei von der Personalvertretung und der Inder von der IT und die zarte Frau Zips aus der Bibliothek. Wenn einer seinen Dienstausweis vergessen hat, öffnet Albert Adloff die Pforte. Er macht das, was hier alle machen: Er entscheidet über rein und raus.

Neulich sei ein Flüchtling gekommen, was denn nun mit seinem Antrag sei. Da musste Albert Adloff lachen. Flüchtlinge kommen nicht durch seine Schranke.

Nach Dienstschluss schreibt Adloff, unter falschem Namen, Fantasyromane mit Titeln wie „Blutende Erde“ oder „Geweihtes Blut“. „Das BAMF ist schon ein besonderer Arbeitsplatz“, sagt der Mann an der Pforte.

Hinter der Loge erhebt sich das Amt wie eine Festung. Tausend Räume, 90 000 Quadratmeter auf drei Geschossen. Das BAMF. Ziegelmauer mit Sandsteinkanten. Es ist ein sehr mächtiger Rest NS-Geschichte am Rande des Reichsparteitagsgeländes, der an der Frankenstraße in Nürnberg-Hasenbuck steht. Eigentlich als SS-Kaserne gebaut, in aller Hast, weil Hitler drängelte und sich in die Planung einmischte. Dennoch wurde alles kurz vor Kriegsbeginn fertig, mit Hakenkreuzmosaiken und Marmorfluren, lang wie Landepisten: „Triumph des Willens“ hieß es damals. Wir schaffen das.

Ein deutsches Amt kommt mit allem zurecht, auch mit dem Ausnahmezustand, wenn der dienstrechtlich geregelt ist. Aber das war er hier nicht. „Es gab kein Lagezentrum, das rund um die Uhr Informationen aus dem Feld aufnahm. Und keine Verfahrensabläufe, die regeln, wie die Informationen an die richtigen Stellen kommen“, sagt Georg Thiel, seit Kurzem stellvertretender Leiter des Amtes.

Thiel sieht nicht mehr so frisch aus wie auf dem Foto in der Pförtnerloge. Schwer pendelt sein Kopf vor der Brust. Thiel war beim Zivilschutz und beim Technischen Hilfswerk, jeweils in leitender Funktion. Als Referent im Innenministerium hat er die Asylbewerberkrise Anfang der Neunziger mitbewältigt. Der Mann hat eine Schwäche für Katastrophen.

„Als ich am 1. Oktober zum BAMF geholt wurde, kannte ich manches schon von früher“, sagt Thiel. Die Führungsstruktur, die IT, alles sei noch wie vor 25 Jahren. Nur die Zeiten nicht.

Es war der…

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Nr. 23/2016