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Wirtschaft

Amerikas Knechte

Die USA decken ihren enormen Bedarf an IT-Kräften mit Zehntausenden Ingenieuren aus Indien. Die Hoffnung auf faire Löhne lockt sie in die Staaten. Diese Situation nutzen Vermittler gnadenlos aus.

DIRK EUSTERBROCK/DER SPIEGEL
von
Antje Windmann
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Kumar sitzt an seinem Schreibtisch in einer Kellerwohnung in New Jersey. Er trägt ein kariertes Hemd, weite Jeans, keine Strümpfe. Immer wieder reibt sich der indische Ingenieur über sein Gesicht; er wirkt müde, ausgelaugt.

An der Wand hängt eine Karte der USA. Maryland, Pennsylvania, Montana, North Carolina, Massachusetts. In vielen Bundesstaaten hat der 42-Jährige gearbeitet, nun ist Kumar wieder an der Ostküste, dort, wo vor sieben Jahren alles begann.

Mit einem roten und einem blauen Koffer war er im Juli 2008 in Newark gelandet, erschöpft von drei Reisetagen und zugleich wie elektrisiert, denn sein größter Traum war in Erfüllung gegangen: der Traum von einem Leben in Amerika, der Geburtsstätte der digitalen Revolution, der Heimat der größten IT-Konzerne der Welt, für die nur das Zeitalter „Zukunft“ gilt. Der Traum von einem Leben in jenem Land, in dem es jeder zu etwas bringen kann, also auch er.

Kumar ahnte nicht, dass er am Beginn eines Albtraums stand.

Er wühlt nun in einer Stiftebox. Er will ein betrügerisches System veranschaulichen, das ihn bis heute gefangen hält: „Das hier bin ich“, sagt Kumar und greift zu einem Bleistift. „Das ist ein amerikanisches Unternehmen.“ Er hält einen Textmarker hoch. „Und das hier“, Kumar steckt drei weitere Stifte zwischen den Bleistift und den Textmarker in seiner Hand, „das hier sind die Jobvermittler, die mit meiner Arbeit mehr verdienen als ich.“

Was Kumar mit fünf Stiften beschreibt, ist keine Ausnahme. Das Geschäft mit ausländischen IT-Experten in den USA gehört längst zum Alltag des Internetbooms und zeigt dessen schattige Seite, vor allem die des schillernden Silicon Valley mit seinen bunten Firmenzentralen. In diesem Schatten führen Hunderttausende Menschen das Leben moderner Knechte. Viele von ihnen sind Inder.

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Begehrte Visa 2014

Zwei Drittel aller ausländischen Experten mit einem zeitlich begrenzten US-Arbeitsvisum stammen aus Indien. Einige mögen davon träumen, wie Sundar Pichai Chef von Google zu werden; andere vom raschen Reichtum. Die Mehrheit aber hofft auf etwas scheinbar Banales: menschliche Arbeitsbedingungen, faire Löhne und eine Perspektive…

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Nr. 47/2015