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Wissen

Am eigenen Leib

Wer testet eigentlich neue Medikamente? Die Suche nach willigen Probanden treibt Pharmafirmen in die Schwellenländer. Studien sind dort billiger und kritische Fragen selten. Eine Reise zu den modernen Sklaven einer gierigen Branche.

ENRICO FABIAN / DER SPIEGEL
von
Jens Glüsing
,
Veronika Hackenbroch
und
Nicola Kuhrt
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Wer krank wird in Deutschland, kann auf eine beruhigende Fülle von Medikamenten zugreifen: Rund 100 000 Arzneimittel sind zugelassen. Es gibt Wirkstoffe gegen Herzschwäche und Herzinfarkt, gegen Rheuma, Magenschmerzen, Lungenentzündung, Asthma und vielerlei Arten von Krebs, aber auch die Mittelchen gegen Katerkopfschmerz oder andere Zipperlein.

Wir vertrauen darauf, dass sie helfen. Und natürlich gehen wir davon aus, dass sie nicht allzu sehr schaden. Schließlich sind sie zuvor getestet worden: in Tierversuchen und, selbstverständlich, an Menschen.

Nur: an wem eigentlich?

Und: Will man das so genau wissen?

Wer interessiert sich schon für das Schicksal der Medikamententester Dhanajay und Aman in Indien? Wie nah will man Marias Geschichte an sich heranlassen oder das, was mit den Babys aus Santiago del Estero in Argentinien geschah? Und was haben deren Geschichten mit uns zu tun?

Überraschend viel. Es ist die Mechanik eines lukrativen und unüberschaubaren Marktes, die letztlich jeden berührt, der Medikamente nimmt; es sind die Tricks und Winkelzüge, mit denen "Big Pharma" die ganze globalisierte Welt bespielt, um möglichst günstig möglichst viele Präparate durch die Zulassungsmaschinerie zu schleusen.

Ein Mittel kann aber nur so sicher und so gut sein wie die Studien, die ihm jene Sicherheit und Güte bescheinigen.

Es stellt sich also die Frage, wie gut diese Studien sind und unter welchen Bedingungen sie durchgeführt werden. Wer kontrolliert? Wer zahlt wem was? Und wer nimmt teil? Wer geht das Risiko ein, im Dienste der Wissenschaft ein noch nicht zugelassenes Medikament einzunehmen?

In Industrienationen wie Deutschland, England oder den USA reißen sich die Leute nicht darum, an klinischen Studien teilzunehmen. Viele Pharmafirmen wenden sich deshalb ärmeren Ländern zu; sie verlagern ihre Studien nach Osteuropa, Indien oder Südamerika. In den vergangenen Jahren stieg der Anteil der Teilnehmer klinischer Studien beträchtlich, die im Mittleren Osten, im asiatisch-pazifischen Raum und in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten durchgeführt wurden.

Offshoring heißt diese Praxis.

Das Prinzip ist immer gleich. "In Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen lassen sich große Mengen an Patienten rekrutieren", sagt Vasiliy Vlassov, Präsident der Russischen Gesellschaft für…

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Nr. 40/2015