Lesezeit 23 Min
Gesellschaft

Alles ins Feuer

Warum konnten Randalierer so lange im Hamburger Schanzenviertel wüten, warum griff die Polizei nicht ein? Rekonstruktion einer Chaosnacht.

ROBIN HINSCH / DER SPIEGEL
von
Laura Backes
,
Maik Baumgärtner
,
Sven Becker
,
Jan Friedmann
,
Annette Großbongardt
,
Hubert Gude
,
Martin Knobbe
und
Maximilian Krone
Lesezeit 23 Min
Gesellschaft

Auf den ersten Blick erinnert fast nichts mehr an jene irren Stunden, als im Hamburger Schanzenviertel alles außer Kontrolle geriet. Die Rußflecken von den brennenden Barrikaden auf der Straße sind verblasst, die herausgerissenen Straßenschilder stehen wieder, und vor der Roten Flora, dem linksautonomen Wahrzeichen des Viertels, haben Arbeiter längst die Pflastersteine ersetzt, die auf die Polizisten niedergeprasselt waren.

Doch wer genauer hinsieht, erkennt die Spuren dieser Nacht der ersten Gipfeltags. Randalierer wüteten hier stundenlang, zerstörten, was ihnen in die Hände fiel. Sie zündeten auch die Filiale der Hamburger Sparkasse an, die verkohlten Geldautomaten sind mit Plakaten überklebt. Das Gebäude soll vielleicht abgerissen werden. Der Drogeriemarkt Budni hat wieder geöffnet. "Guck mal", sagt eine Frau im Vorbeigehen zu ihrer Tochter, "der Laden wurde auch geplündert."

Die Szenen der "ungehemmten Brutalität", wie Kanzlerin Angela Merkel die Krawalle nannte, verfolgte ganz Deutschland damals live in den Abendnachrichten. Es sind diese Bilder, die vom Gipfel bleiben. Statt Prachtfotos von der Elbphilharmonie: Rauchschwaden, Wasserwerfer, geplünderte Geschäfte, verwüstete Straßen.

Die Polizei, die den Gipfel ziemlich gut sicherte, stand der Gewalt im Schanzenviertel stundenlang hilflos gegenüber. Sie hätten die Bürger nicht ausreichend geschützt, mit diesem Vorwurf sind der Erste Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und die Polizei bis heute konfrontiert. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Krawalle, befeuert von einer Menge erlebnishungriger Gaffer, so heftig tobten, wie es Deutschland selten erlebt hat.

Seit Ende August müht sich ein Sonderausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft, die Hintergründe der Chaostage aufzuklären. Als die Vorbereitungen für den Gipfel begannen, hatte ein erfahrener Polizeibeamter gesagt: "Das scheppert hier aber richtig, das wird heftig. Aber wir schaffen das." Kein verantwortlicher Polizist sagte: Es geht nicht.

Der Ausschuss hat bislang vor allem die Frage diskutiert, ob es eine Fehlentscheidung war, den Gipfel in Hamburg abzuhalten. Bürgermeister Scholz, vier Stunden lang befragt, blieb dabei, dass es richtig gewesen sei. Den Einsatz der Polizei lobte er unverdrossen als "heldenhaft". Für das Chaos bat er erneut um Entschuldigung. Scholz sei "nicht bereit, auch nur einen Fehler einzugestehen", kritisiert hingegen Dennis Gladiator, Mitglied des Ausschusses und innenpolitischer Sprecher der CDU. Scholz habe die Gefahren verharmlost, die Lage falsch eingeschätzt.

Fünf Monate sind seit G 20 vergangen, und noch immer stellt sich die Frage, warum der hochgerüstete Sicherheitsapparat ausgerechnet am kleinen Schanzenviertel scheiterte, dem wild wachsenden Biotop der autonomen Linken. Ein Revier, das die Hamburger Polizei so gut kennt wie kaum ein anderes, in dem sie jedes Jahr zum 1. Mai oder zum Schanzenfest ihre Einsatztüchtigkeit trainiert.

Warum kam die Polizei diesmal zu spät? Es sei schlicht zu gefährlich gewesen, ohne das SEK ins Schulterblatt zu gehen, rechtfertigte sie sich. Stimmt das so? Und ist das die ganze Wahrheit?

Der SPIEGEL hat mit Polizisten…

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Nr. 50/2017