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Gesellschaft

Allein in Jermania

Der Vater wartet mit Kleinkind in Hamm auf Asyl, die Mutter hofft mit drei Söhnen in Istanbul auf deutsche Visa – wie eine syrische Familie an der verschärften Asylpolitik verzweifelt.

CHARLOTTE SCHMITZ / DER SPIEGEL
von
Maximilian Popp
Lesezeit 7 Min
Gesellschaft

Bevor Mohammed Jbili an einem regnerischen Vormittag im Dezember seine Wohnung am Stadtrand von Istanbul verlässt, dreht er sich ein letztes Mal um. Seine Frau Nur Alsabbagh weint. Jbili greift nach ihrer Hand. Er sagt: "Wir sehen uns bald wieder, versprochen."

Zwei Monate später sitzt Jbili auf seinem Bett in einem Flüchtlingsheim in Hamm. Der Wind weht Schneeflocken gegen das Fenster. Jbili trägt kurze schwarze Haare, ein Hemd unter dem Wollpullover. Sein eineinhalb Jahre alter Sohn Kerem krabbelt über den Boden. Jbili schüttelt den Kopf. "Was, wenn ich mein Wort nicht halten kann?", fragt er.

Mohammed Jbili, 36, Buchhalter aus Aleppo, und seine Frau Nur, 30, sind im Sommer 2014 aus Syrien in die Türkei geflohen – gemeinsam mit ihren vier Kindern Kerem, Amir, Abdulmalek und Omar. Jbili arbeitete in Istanbul in Fabriken, auf dem Bau, in einer Schneiderei, oft 14 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sein Gehalt genügte trotzdem kaum, um die Miete zu bezahlen.

Er sah für seine Familie keine Zukunft in der Türkei. Für die Flucht in die EU fehlte das Geld. Nächtelang lagen er und seine Frau wach, sprachen immer und immer wieder über einen Ausweg. Am Ende fassten sie den Entschluss, dass Jbili zunächst allein mit Kerem nach Deutschland fliehen würde. Vater und Kleinkind sind dann im Winter über Griechenland und den Balkan in die Bundesrepublik gereist. Er war sich sicher, seine Frau und die größeren Kinder nachholen zu können – sonst wäre er…

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Nr. 12/2016