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»Aggressivität ist durchaus Teil der Sexualität«

Der Psychiater Peer Briken über männliches Selbstwertgefühl, die Liberalisierung der Bundesrepublik und die #MeToo-Debatte

HENNING BODE / DER SPIEGEL
von
Xaver von Cranach
und
Susanne Beyer
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Seit den Enthüllungen um den Filmproduzenten Harvey Weinstein wird über Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe, anzügliches Verhalten und Belästigungen diskutiert. Immer geht es um Männer. Peer Briken, 48, ist Professor für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie, er leitet das Sexualwissenschaftliche Institut am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Briken ist als Gerichtsgutachter tätig und betreut zurzeit die erste flächendeckende Studie über das Sexualverhalten der Deutschen.

SPIEGEL: Herr Professor Briken, die #MeToo-Debatte läuft seit sechs Monaten mit erheblichen Folgen: Die männliche Sexualität scheint im Verlauf pathologisiert worden zu sein. Wie blicken Sie als Wissenschaftler auf die Debatte?

Briken: Erst einmal überrascht sie mich überhaupt nicht. Diskussionen über männliche Sexualität, die außer Kontrolle gerät und grenzüberschreitend ist, gibt es immer wieder. Denken Sie an die Geschichte vor vielen Jahren mit dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton und seiner Praktikantin Monica Lewinsky. Die Affäre der beiden wurde schnell pathologisiert, es hieß, Clinton sei sexsüchtig und hätte sich deshalb nicht ausreichend unter Kontrolle. Das ist das Zweite, was mir gleich aufgefallen ist: Diese kulturelle Diskrepanz zwischen den USA und Europa, wenn es um die Bewertung solcher Ereignisse geht.

SPIEGEL: Wird in den USA schneller von einer Krankheit gesprochen?

Briken: Wir haben da tatsächlich…

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Nr. 15/2018