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Gesellschaft

Agenda 2016

Der Versuch, Hunderttausende Flüchtlinge zu integrieren, hat begonnen. Was gelingt? Woran fehlt es? Was kostet es? Was bringt es? Wie kann es weitergehen? Einschätzungen, Erfahrungen und Ausblicke von Männern und Frauen, die sich diesen Fragen theoretisch und ganz praktisch in ihrem Alltag stellen.

MORITZ GERLACH / DER SPIEGEL
von
Moritz Aisslinger
,
Uwe Buse
,
Markus Dettmer
,
Anke Dürr
,
Fiona Ehlers
,
Ullrich Fichtner
,
Moritz Gerlach
,
Matthias Geyer
,
Özlem Gezer
,
Hauke Goos
,
Maik Großekathöfer
,
Guido Mingels
,
Dialika Neufeld
,
Miriam Olbrisch
,
Christian Reiermann
,
Cornelia Schmergal
,
Barbara Supp
,
Wolf Wiedmann-Schmid
und
Takis Würger
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Gesellschaft

Wieso bringen Sie deutschen Frauen das Schlagen bei, Herr Schürks?

SPIEGEL: Wie laufen die Geschäfte?

Schürks: Ich mache das seit acht Jahren, aber so eine starke Nachfrage wie in den Wochen nach Köln habe ich noch nicht erlebt. Silvester hat die Welt wirklich verändert.

SPIEGEL: Mit welchen Ängsten kommen die Frauen denn zu Ihnen?

Schürks: Angst vor Vergewaltigung und Verletzung. In Köln gab es viele solcher Situationen, wie immer, wenn viele Männer und wenige Frauen auf einem Haufen sind und Alkohol fließt. Das ist unabhängig davon, wo die Männer herkommen.

SPIEGEL: Was bringen Sie den Frauen bei?

Schürks: Hocheffektive körperliche Maßnahmen. Ich zeige ihnen, wie sie die verletzlichen Stellen treffen, egal, wie viel Muskelmasse der Täter hat.

SPIEGEL: Viele greifen zum Pfefferspray.

Schürks: Davon rate ich ab. Man schiebt die Waffe in der Tasche hin und her und beschäftigt sich so ständig mit Gewalt. Das vergiftet nur das Leben.

Michael Schürks, 54, gibt Notwehrseminare in Berlin.

Was müssen Einwanderer als Erstes wissen, Herr Boutaieb?

Slim Boutaieb hilft seinen arabischen Glaubensbrüdern in München, Deutschland zu verstehen. Der Tunesier kam 1992 ins Land. Auch er musste sich in der Fremde erst zurechtfinden. Nun will Boutaieb seine Erfahrung weitergeben. Sein Beitrag zur Integration ist 924 Kilobyte groß und 16 Seiten lang, eine Powerpoint-Präsentation auf Deutsch und Arabisch, ein Grundkurs "Weg zur Integration", den er Flüchtlingen in den Unterkünften vorträgt.

Auf seiner Folie 7 geht es um Offenheit. Man müsse die neuen Menschen kennenlernen, Land und Leuten eine Chance geben. "Ich sage ihnen, dass sie vergessen sollen, was in ihrer Heimat gilt. Dass Deutschland anders ist", sagt Boutaieb.

Folie 9: Sprache. "Sprache ist die größte Blockade, wenn man in Kontakt mit Deutschen kommen will", sagt Boutaieb. Er ermutigt die Leute, auch dann mit Einheimischen zu reden, wenn ihr Deutsch noch nicht gut ist. Folie 11: die deutsche, demokratische Kultur. Man müsse die Freiheit des Einzelnen respektieren, sagt er den Neuankömmlingen. Jeder hier dürfe seinen Glauben frei ausleben, trinken, feiern, Spaß haben. Gleichzeitig werde die Solidarität großgeschrieben. In Deutschland gelte: "Wenn einer in der Scheiße steckt, zieh ihn wieder raus."

Folie 13: das Gesetz. Keine Korruption, Achtung der Menschenrechte, Gleichberechtigung der Frau. Boutaieb sagt seinen Zuhörern, dass in Deutschland auch der Mann manchmal kochen, saugen und putzen muss. Da lachen die Männer oft.

Slim Boutaieb, 47, bringt Zuwanderern in München deutsche Grundlagen bei.

Steigt die Kriminalität im Land, Herr Pfeiffer?

Seit Monaten breitet sich die Befürchtung aus, in Deutschland werde die Kriminalitätsrate steigen, die Sicherheit sei bedroht durch die vielen Fremden, die jetzt kommen. Was am rechten Rand Gewissheit ist, nennt Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, "Stimmungsmache". Er verweist auf Daten des Bundeskriminalamtes, erhoben zwischen Januar und September vergangenen Jahres. Sie zeigen, dass in absoluten Zahlen zwar mehr Delikte registriert werden, die Kriminalität im Verhältnis zur hohen Zahl der Zuwanderer aber deutlich unterproportional wächst.

Schon in den Neunzigerjahren, als Hunderttausende vor dem Bürgerkrieg in Jugoslawien nach Deutschland flüchteten, ließ Pfeiffer untersuchen, wie sich der Zustrom überwiegend muslimischer Migranten auf die Kriminalitätsrate auswirkt. Was er dabei feststellte, war, dass die Zuwanderer nicht etwa häufiger, sondern deutlich seltener zu Gewaltdelikten neigten als der Rest der Bevölkerung. "Wer eine Chance auf Asyl hatte, der tat alles, um seinen Status nicht zu gefährden, und das führte zu einer Anpassung an unsere Gesetze."

Mit ähnlicher Zurückhaltung, sagt Pfeiffer, sei heute auch bei syrischen Kriegsflüchtlingen zu rechnen, die, im Gegensatz zu den straffällig gewordenen Nordafrikanern der Kölner Silvesternacht, eine echte Perspektive hätten, langfristig in Deutschland zu bleiben. Der Unterschied zu den Zuwanderern aus…

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Nr. 5/2016