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Afrika in Grün

Vor 30 Jahren wurde Äthiopien von einer apokalyptischen Hungersnot heimgesucht. Heute sprießen Mais, Gerste oder Weidegras, wo einst Wüste war – erfindungsreiche Kleinbauern haben die Landwirtschaft revolutioniert.

HILMAR SCHMUNDT / DER SPIEGEL
von
Hilmar Schmundt
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Ein heißer Hauch weht von Westen her durch das weite Tal, er schmeckt nach Sand und brennt auf der Haut. Struppige Akazienbäume ducken sich unter der Glut, hier am Rand der Sahelzone im Süden der Sahara. Wie ein Meer aus Dünen erstreckt sich die Wüste 6000 Kilometer weit bis zum Atlantik am westlichen Ende Afrikas.

Aba Hawi kneift die Augen zusammen und schiebt die Schirmmütze tiefer in die Stirn. Sein Blick geht über ein Maisfeld, über Gerste, Tomatenbeete, sattgrüne Wiesen fürs Vieh – eine Oase, mitten im nordäthiopischen Bergland, wo Regen selten ist.

"Unser Geheimnis sind die Terrassen an den Hängen dort oben", sagt Aba Hawi, ein stämmiger Mann von Mitte fünfzig. Er ist Dorfvorsteher und heißt eigentlich Gebremichael Giday, aber alle nennen ihn Aba Hawi. Das bedeutet "Mann des Feuers", Heißsporn – sein Temperament ist legendär.

Aba Hawi deutet zu den Hängen. Hunderte horizontale Steinmäuerchen säumen die Bergflanken. "Die Terrassen sind unsere Bank, dort wird Regen eingezahlt", sagt er. "Und an den Brunnen hier unten schöpfen wir das Wasser ab wie Cash am Geldautomaten."

Vor 30 Jahren wuchs nichts in diesem Tal. Eine mörderische Hungersnot herrschte. Im Sommer 1984 hatte es fast keinen Regen gegeben, und, was alles noch schlimmer machte, ein Bürgerkrieg spaltete das Land. Die kommunistische Militärjunta Derg versagte der abtrünnigen Provinz Tigray im Norden jede Hilfe. Ein Flüchtlingsstrom ergoss sich in den Sudan. Die Bilder…

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Nr. 29/2015