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Adieu, Liebe

Wieso zankt sich das eine Paar bis zur Zerrüttung, während das andere ein Leben in zärtlichem Gleichklang miteinander verbringt? Forscher ergründen, was uns zusammenhält – und wie wir, falls wir uns trennen, in Würde auseinandergehen.

FRANCESCO CICCOLELLA / DER SPIEGEL
von
Kerstin Kullmann
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Im Oktober vergangenen Jahres sieht Michael Reim, wie seine Frau im Morgengrauen die Tür ihres gemeinsamen Hauses im Berliner Westend hinter sich zuzieht. Sie wird eine S-Bahn zum Bahnhof nehmen, dort in einen Zug Richtung Ulm steigen und sieben Stunden später an ihrem Ziel ankommen.

Michael Reim steht an diesem Morgen am Fenster. Er hat die Nacht über nicht geschlafen. Am Abend zuvor hatte er gefragt: "Hast du was mit dem?" "Ja", hatte sie gesagt. Und dass sie ihn verlassen werde.

Vor 28 Jahren, erzählt Reim, habe er seine Frau beim Segeln auf dem Ammersee zum ersten Mal gesehen. Auf dem Boot habe er sie dann "ein bisschen frech angequatscht", und es habe geklappt. Ehe, zwei Töchter, ein Haus. Und auch: gemeinsam glücklich zu sein.

Und doch sieht er an diesem Morgen zu, wie seine Frau ihn verlässt. Er sagt: "Ich kann ihr keinen Vorwurf machen."

Wie kann so wenig übrig bleiben von einem ganzen gemeinsamen Leben?

Michael Reim ist 68. Er war Lehrer für Französisch und Sport an einer Gesamtschule, seit ein paar Jahren ist er in Pension. Er sagt, er habe seiner Frau stets Komplimente gemacht: was für eine tolle Mutter, eine tolle Köchin sie sei. Auch, dass sie toll aussehe. Vielleicht habe er zu häufig seinen Kopf durchgesetzt?

"Heirate niemals einen Mann, von dem du nicht geschieden sein magst."

Nora Ephron, Autorin

In den Monaten nach der Trennung las Reim seine Tagebücher. Er fand dort Sätze, die von geschlossenen Türen, vom einsamen Einschlafen berichten. "Warum warst du heute so abweisend? Weshalb küsst du mich nicht mehr?"

Als Ute Reim, 51, nach Ulm ging, zog sie zu ihrer Jugendliebe. Sie sagt: "Ich bin nicht gegangen, weil ich ihn hasse."

Warum dann?

Ute Reim findet die Antworten überall und nirgendwo. All die Kleinigkeiten erscheinen ihr zu lächerlich, um sie aufzuzählen: die Krümel unterm Tisch, die niemand zusammenfegt, die dreckigen Schuhe, mit denen durch frisch gewischte Räume spaziert wird, die Stunden im Auto, wenn sie jeden Tag die Kinder quer durch die Stadt zur Schule brachte. Das Waschen, das Kochen. Die Frage: "Was machst du den ganzen Tag, du hast ja so viel Zeit?"

Sie fragt sich: Wie bin ich zu jemandem geworden, den man mitten im Satz stehen lässt, weil einem gerade etwas anderes wichtiger erscheint? Sie fühlte sich immer häufiger, als wäre sie unsichtbar.

Als sie ging, sagt Ute Reim, habe sie zwei Wünsche gehabt: wieder gesehen zu werden. Und keinen Rosenkrieg mit ihrem Mann zu führen.

Kann das gehen? Eine Liebe im Guten zu beenden?

Das Ende der Liebe ist brutal. Mindestens einer muss sagen: Du reichst mir nicht mehr. Ich will nicht mehr mit dir leben. Es gibt kein Entkommen, es ist wie eine Wand, die plötzlich, bei voller Fahrt, vor einem steht. Das Ende der Liebe ist das Ende der Hoffnung, das Ende von allem, was einmal das Schönste war im Leben. Es zwingt die Stärksten in die Knie. Wir fluchen, rasen, weinen, vergehen.

Fast nichts kann einen Menschen so sehr zerstören wie eine Trennung. Psychologen wissen, dass sie uns so schlimm treffen kann wie der Tod eines nahen Angehörigen. Alles zerfällt. Eine Trennung kann den Glauben daran zerschmettern, wer wir sind und was aus uns werden soll.

Manche kommen gar nicht damit zurecht, werden gewalttätig. 2016 wurden 455 Menschen, vor allem Frauen, Opfer von Mord und Totschlag. Getötet von dem Menschen, mit dem sie einst ihr Leben teilten. Die Hälfte war mit ihrem Mörder verheiratet.

Manche können nicht loslassen, sie stellen ihrer alten Liebe nach. 2016 wurden fast 8000 Menschen von einem früheren Partner verfolgt. Dieses Jahr verschärfte Justizminister Heiko Maas deshalb den…

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Nr. 24/2017