Lesezeit 9 Min
Gesellschaft

Acht Jahre, obdachlos

Weil die Mieten in den Großstädten unbezahlbar werden, verlieren immer mehr Familien ihre Wohnung. Zehntausende Kinder haben in Deutschland kein Zuhause mehr. Viele müssen von einer Notbehausung in die nächste ziehen.

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL
von
Anne Seith
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Gesellschaft

Er trägt einen schwarzen Hoodie, die Kapuze hat er tief in die Stirn gezogen, als wolle er sich darin verstecken. Ansonsten sieht Marko(*) aus wie ein typischer 13-Jähriger, irgendwo zwischen Kind und Teenager, ein bisschen pausbäckig noch, mit Sneakers und grünen Shorts. Für seine Freunde ist er Mitte April von der Bildfläche verschwunden. Er kam nicht mehr zur Schule, schrieb keine WhatsApp mehr, sagte auch nicht Tschüs.

»Ging ja nicht«, sagt er und guckt resigniert geradeaus. Schließlich sollte keiner wissen, dass an diesem Tag sein Zuhause zwangsgeräumt wurde und er auf der Straße stand. Mit nicht viel mehr als seinen Kleidern am Leib.

Der Auszug aus der Wohnung im Berliner Osten glich einer Flucht. Marko, seine drei Geschwister und sein Vater hatten je einen Rucksack auf dem Rücken. Was da nicht reinpasste, blieb zurück. »Wir haben quasi die Tasse vom Frühstück noch auf dem Tisch gelassen«, sagt Markos Vater. Wo hätten sie die Sachen auch hinbringen sollen?

Eine neue Wohnung hat die Familie nicht gefunden. Nach einigen Nächten bei Verwandten und Freunden wohnen sie nun in einer Notunterkunft in Kreuzberg, zu fünft in einem Zimmer mit Doppelstockbetten und einem Tisch.

Markos Leben ist aus den Fugen geraten, und trotzdem hat er noch Glück gehabt.

Denn die 30 Plätze in der Einrichtung, die nur obdachlose Eltern mit Kindern aufnimmt, sind meist alle belegt. 20 bis 30 Familien muss die Leitung pro Monat abweisen.

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Nr. 20/2018