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Sport

»Ach, lassen Sie uns doch aufhören mit dieser Heuchelei!«

Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbands, will seinen Sport reformieren. Dafür brauche es mehr Persönlichkeiten, sagt er, schlankere Wettbewerbe und eine WM in der Wüste.

HANNES JUNG / DER SPIEGEL
von
Antje Windmann
und
Thilo Neumann
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Sport

Tag eins der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin. Die Sonne brennt auf den Breitscheidplatz, auf dem die Qualifikation im Kugelstoßen ausgerichtet wurde. Nur wenige Meter davon entfernt sitzt Sebastian Coe, seit 2015 Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF), auf einer Terrasse im Schatten des Intercontinental-Hotels. Der 61-jährige Brite trägt Jeans und ein weißes Hemd. Coe war selbst Spitzensportler. Der ehemalige Mittelstreckenläufer gewann vier olympische Medaillen und stellte elf Weltrekorde auf.

SPIEGEL: Lord Coe, vor einem Jahr hat Usain Bolt seine Karriere beendet. Wie schwer ist das Leben als IAAF-Präsident ohne den Ausnahmesprinter?

Coe: Ich merke da keinen großen Unterschied, die Welt dreht sich weiter. Ja, wir haben eine magnetische, charismatische Figur unseres Sports verloren. Bolt konnte nicht nur einen Raum, er konnte ein ganzes Stadion füllen und war sehr meinungsstark. Aber wir haben viele außergewöhnliche Talente. Das Problem ist, dass es vielen an Persönlichkeit fehlt, um sich zu artikulieren. Oft schauen sie schon bei einfachen Fragen ihre Agenten an, ob sie darauf antworten können. Ich sage dann: Vergesst euer Image, stellt euch dar, habt Gedanken und Meinungen, auch zu Themen außerhalb des Sports, sonst werdet ihr für die Leute nicht interessant sein. Dieses Selbstvertrauen müssen wir den Athleten geben.

SPIEGEL: Kann man Selbstvertrauen jemandem geben? Ist es nicht, wie Sie selbst sagen, eine Frage der Persönlichkeit?

Coe: Viele außergewöhnliche Geschichten bleiben allein deshalb unerzählt, weil die sprachliche Barriere für viele eine große Hürde ist. Sie sprechen kein Englisch. Also müssen wir ihnen helfen, in einer Sprache zu kommunizieren, die möglicherweise nicht ihre Muttersprache ist. Wir müssen Medientraining anbieten und dafür sorgen, dass unsere Mitgliedsländer genug…

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Nr. 33/2018