Lesezeit 24 Min
Politik

56 Tage

Eine Mutter und ihr sechsjähriger Sohn fliehen vor der Gewalt in Honduras nach Texas. Dort werden sie voneinander getrennt. Als sie nach zwei Monaten wieder zusammenfinden, sind sie nicht mehr die gleichen.

MERIDITH KOHUT / DER SPIEGEL
von
Marian Blasberg
,
Katrin Kuntz
und
Christoph Scheuermann
Lesezeit 24 Min
Politik

Es ist ein Uhr nachts, als Levis Osorio Andino aus einem traumlosen Schlaf schreckt. Eine Wärterin tritt an ihr Hochbett im Port-Isabel-Gefängnis und rüttelt sie am Arm. »494, steh auf!«, ruft sie. »Es ist so weit.«

Schlaftrunken packt Levis ihre Tasche und taumelt durch das Neonlicht der Korridore. 56 Tage lang hat sie Samir nicht gesehen, ihren sechsjährigen Sohn, der wie kein anderes ihrer Kinder an ihr hängt. Anfang Juni hatten sie nach Wochen auf der Flucht den Rio Grande überquert. Dann rissen ihr texanische Grenzschützer das Kind aus dem Arm. Amerika machte in jenen Wochen Ernst mit einer neuen Null-Toleranz-Politik, die vorsah, illegal eingewanderte Familien zu trennen. Jetzt geht es darum, das Chaos aufzuräumen, das dabei entstanden ist.

Das Letzte, was Levis von Samir gehört hat, war, dass er dieses Heim in Phoenix, in das man ihn geflogen hatte, nicht mehr verlassen wollte.

»Überraschung«, flötet die Wärterin und schiebt Levis in einen fensterlosen Raum. »Samir ist nur noch kurz auf der Toilette.« Levis sinkt auf einen Stuhl. Sie zittert. Dann steht er plötzlich in der Tür, an der Hand eines Sozialarbeiters, das Haar geschoren, das freche Zahnlückenlächeln eingefroren.

»Samir, mein Liebling«, stammelt Levis, »wie geht es dir?«

»Ich weiß nicht, wer du bist.«

Levis geht einen Schritt auf Samir zu, er weicht zurück. Sie versucht es ein zweites Mal, er tritt nach ihr.

»Samir«, sagt sie. »Ich liebe dich!«

»Du bist nicht meine Mutter.«

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Brief von Levis aus dem Gefängnis: »Meine Seele tut mir weh«

So erzählt es Levis, als sie ein paar Stunden nach diesem Wiedersehen übermüdet vor einem Teller Reis sitzt. Levis, die vor 26 Jahren in der honduranischen Stadt El Porvenir geboren wurde, ist eine hübsche, rundliche Frau mit mandelförmigen Augen. Sie versucht, Worte für etwas zu finden, das ihr wie ein Albtraum vorkommt. Immer wieder ringt sie mit den Tränen, während Samir an ihrer Seite in die Fantasiewelt eines Handyspiels abtaucht.

Fragt man ihn, wie es ihm geht, blickt er kurz auf und sagt: »Ich bin aus Stahl.«

Die Sonne schimmert auf den Cafeteria-Tischen der Basilica-Herberge, die von der katholischen Kirche im Rio Grande Valley betrieben wird. Ein Gefängnisbus hat Levis und Samir in der Nacht hier abgesetzt, am südlichen Rand der USA, nicht weit von der Stelle, an der vor zwei Monaten ihr Floß anlegte. Sie sind jetzt frei, aber sie wissen nicht, wohin. Im Oktober, sagt Levis, beginne ihr Asylverfahren, bis dahin schiebe man sie immerhin nicht ab.

Diese Herberge, in der normalerweise Pilgergruppen absteigen, ist jetzt eine Durchgangsstation für viele jener rund 3000 Familien, die Amerika Ende Juli nach und nach wieder zusammenführt. Es ist ein Ort der Menschlichkeit in einem Land, das seinen Kompass verloren hat.

In der Lobby teilen Nonnen Kleiderspenden aus. Sie helfen, Verwandte ausfindig zu machen, und besorgen Bustickets. Sie verbinden Levis zum ersten Mal seit Wochen wieder mit ihrem Anwalt, der ihr am Telefon verspricht, einen Unterschlupf zu finden, an dem die Wunden heilen können, die sein Land ihr zugefügt hat.

Die USA…

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Nr. 36/2018