Lesezeit 18 Min
Gesellschaft

12 Wochen in Riad

Die Religionspolizei ist entmachtet, Popstars geben Konzerte, und nun dürfen Frauen sogar Auto fahren: Kronprinz Mohammed bin Salman liberalisiert die Gesellschaft und reformiert autoritär. Bericht aus einem Land, das sich neu erfinden muss.

IMAN AL-DABBAGH / DER SPIEGEL
von
Susanne Koelbl
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Gesellschaft

Es ist nicht so, dass Frauen nirgendwohin gehen könnten in Saudi-Arabien. Man kann überallhin laufen, man kommt nur nirgendwo an.

Es ist mein erster Tag in Riad, fünf Monate bevor in dieser Woche die aufsehenerregenden Bilder saudi-arabischer Frauen um die Welt gehen, die erstmals selbst Auto fahren dürfen.

Ich streife durch die Straßen der Hauptstadt, aber ich werde nirgends hineingelassen. Vor dem Restaurant Bazi Baba mit seinen köstlichen Speisen und frischen Säften gibt es Tische und Stühle, sie sind auch besetzt, mit Männern. Frauen, die etwas kaufen wollen, stehen vor einer kleinen Fensterklappe, bestellen und warten dann draußen, bis die Ware geliefert wird.

Auf der Tahlia-Straße, dem lebendigsten Boulevard der Hauptstadt, gibt es neuerdings Coffeeshops. Die Tische draußen sind voll besetzt – mit Männern. Dass sie draußen sitzen dürfen, ist bereits ein Riesenfortschritt. Die Frauen dürfen sich nicht zu ihnen setzen, sondern müssen im »Familienbereich« Platz nehmen, hinter Paravents, Vorhängen und manchmal, ganz gewagt, hinter Milchglasscheiben.

Zurück in meinem Hotel, zeigt mir der Rezeptionist stolz das Schwimmbad und das Fitnessstudio. Wann sind die Öffnungszeiten? Leider – for men only. Massagen werden angeboten, sorry, for men only. Am Ende sitze ich in einem abgedunkelten Zimmer, während draußen die Sonne brennt. Ich werde mich nicht daran gewöhnen können, dass die Vorhänge hier immer zugezogen sind, blickdicht, damit man nicht raussehen kann und auch nicht reingucken.

Auf den ersten Blick hat sich wenig verändert in der Hauptstadt Saudi-Arabiens, als ich Anfang des Jahres hier ankomme. Ich war bisher fünfmal in Saudi-Arabien, das erste Mal 2011. Diesmal verbringe ich zwölf Wochen im Land. Ich will den Wandel miterleben, den Kronprinz Mohammed bin Salman, kurz MBS, seinen Bürgern verordnet hat. Jahrzehntelang war Saudi-Arabien das Land, in dem Frauen nicht selbst am Steuer eines Autos sitzen durften. Nun dürfen sie es. Es ist nicht das Einzige, was vor Kurzem noch undenkbar schien.

Was geschieht gerade in diesem Land, das so ultrakonservativ ist wie kein anderes auf der Arabischen Halbinsel? MBS, der Lieblingssohn von König Salman, hat das wahhabitische Königreich fundamental verändert in den wenigen Monaten, seitdem der Vater ihn als Thronfolger ausrief. Er hat den Staat aufgebrochen, alte Machtstrukturen demontiert, das Land neu maßgeschneidert, für eine einzige Person: sich selbst. Er ist ein Reformer, aber kein…

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Nr. 27/2018