Lesezeit 26 Min
Wirtschaft

Unterstützung hin zur Selbststeuerung

"Die Entscheidung treffen immer die Mitarbeiter" - ein Gespräch mit Stephan Heiler und Gebhard Borck

changeX
von
Winfried Kretschmer
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Wirtschaft

Eine Blaupause für die neue Organisation gibt es nicht. Nur Muster, Formen, die jedes Unternehmen anders kombiniert. So auch bei der Alois Heiler GmbH, einem mittelständischen Glasbauunternehmen mit rund 60 Mitarbeitern. Heute setzt die ehemals klassisch hierarchisch geführte Organisation auf die Selbststeuerung durch die Mitarbeiter. Statt Abteilungen gibt es Organe. Wissen ist verteilt. Führungskräfte gibt es keine mehr. Entscheidungen treffen die Mitarbeiter selbst. Und reportet wird andersherum als üblich: zu den Mitarbeitern hin. Und noch etwas ist anders bei der Heiler GmbH: Ein Berater arbeitet als Quasi-Mitarbeiter ständig im Unternehmen. Als Berater für alle. Folge 23 der changeX-Serie über Unternehmen, die Entscheidendes anders machen.

Als Stephan Heiler von seinem Vater die Geschäftsführung übernimmt, scheint die Firma auf solidem Fundament zu stehen. Gute Voraussetzungen für den Wandel hin zu einem nicht mehr hierarchischen Führungsverständnis, den der Sohn einleitet. Scheinbar. Dann aber meldet die produzierende Schwesterfirma Insolvenz an. Das Geschäftsmodell im Sanitärmarkt verändert sich grundlegend. Im Wandel verlassen beinahe alle Führungskräfte das Unternehmen und gehen zum Wettbewerb oder gründen ein Konkurrenzunternehmen gleich nebenan. Ein Multikrisenszenario, das die Firma nur übersteht, weil sie konsequent auf die Selbststeuerung durch die Mitarbeiter setzt. In ihrer alten Struktur hätte die Firma die Krise nicht gemeistert. Sagt Stephan Heiler. 

Stephan Heiler ist Geschäftsführer der Alois Heiler GmbH, einem mittelständischen Hersteller und Handwerksbetrieb mit Sitz in Waghäusel in Baden-Württemberg. Das Unternehmen ist spezialisiert auf passgenaue Glaslösungen für den Innenausbau mit einem Schwerpunkt auf Glasduschabtrennungen. Gebhard Borck ist Geschäftsführer der GB Kommunikation GmbH und unterstützt die Heiler GmbH als "Transformations-Katalysator".

Herr Heiler, Sie haben in einer sehr schwierigen Situation die Nachfolge Ihres Vaters in der Geschäftsführung der Firma übernommen. Was war passiert? 

Stephan Heiler: Bevor ich die Geschäftsführung übernommen habe, wähnten wir uns in einer sehr stabilen Firma. Ich war auf der Suche nach einer Alternative zum klassisch geführten Unternehmen und wollte dies gemeinsam mit Gebhard Borck entwickeln. Als wir begannen, das in der Firma umzusetzen, selbst da war uns noch nicht klar, in welch problematischer Lage sich das Unternehmen befand. Erst damals, 2014, haben wir erkannt, dass die Firma ihren Zenit klar überschritten hatte. Uns wurde klar: Wir müssen die Prozesse verbessern, die Mitarbeiter qualifizieren, die erschreckend hohe Mitarbeiterfluktuation in den Griff bekommen und nicht zuletzt eine gesunde Rendite erwirtschaften. Wir haben dann alles transparent gemacht und mit einer Kick-off-Veranstaltung Anfang 2014 den Veränderungsprozess hin zu einer neuen Kultur angestoßen.

An welchen Anzeichen haben Sie gesehen, dass die Firma ihren Zenit überschritten hatte? 

Stephan Heiler: Zum einen die Konzentration auf ein Produkt, die rahmenlose Glasdusche. Zum anderen die Fokussierung auf eine Hauptkundengruppe, die Sanitärinstallateure, die Bäderbauer. Quasi unser ganzes Engagement in Vertrieb und Marketing floss in dieses eine Segment, alles andere wurde ignoriert oder abgelehnt. Nicht zuletzt hatte sich der Markt gesättigt, nur hat das damals niemand erkannt. Das waren keine guten Voraussetzungen, um…

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21.11.2017