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Schauen auf das Gesunde

"Wir haben verstanden, dass es ein in uns wohnendes Potenzial zur Selbstheilung gibt" – ein Gespräch mit Tobias Esch

von
Winfried Kretschmer
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Wenn Placebos wirken, auch wenn "Placebo" draufsteht, ist das ein medizinisches Rätsel. Mehr noch, als es der Placeboeffekt ohnehin schon ist. Aber könnte es sein, dass die etablierte Medizin unter dem Begriff "Placebo" wegdefiniert hat, was nicht in ihr auf Krankheit fixiertes Konzept passt: die Fähigkeit zur Selbstheilung? Genau das legen neuere Forschungsergebnisse der Mind-Body-Medizin nahe. Und bietet mit ihrem integrativen und interdisziplinären Ansatz zugleich ein Modell, wie sich extreme, selektive Spezialisierung in den Wissenschaften überbrücken lässt.

Prof. Dr. med. Tobias Esch

ist Allgemeinmediziner, Neurowissenschaftler und Gesundheitsforscher. Seit 2016 ist er Professor für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten/Herdecke. In seinem Buch Der Selbstheilungscode fasst er neuere wissenschaftliche Erkenntnisse der Mind-Body-Medizin zusammen. Und erklärt, wie man sich in die Lage versetzt, gesünder zu werden.

Herr Esch, Selbstheilungscode heißt Ihr Buch. Hatten Sie nie die Befürchtung, dieser Titel könnte den Verdacht, überspitzt gesagt, moderner Scharlatanerie provozieren? 

Doch, den Verdacht hatte ich. Ich war durchaus skeptisch und hatte andere Titel favorisiert, die ich etwas seriöser und griffiger fand. Warum wir es doch so gemacht haben? Weil dieser Titel durchaus zum Ausdruck bringt, was ich in dem Buch zu beschreiben versuche: Wie funktioniert eigentlich Selbstheilung? Was ist in uns als schlummerndes Potenzial, als innerer Arzt gewissermaßen angelegt? Und wie kann ich das - und dann ergibt der Titel doch wieder Sinn - dechiffrieren, decodieren? Denn für die meisten Menschen sind das Zutrauen, dass wir diese Potenziale haben, und der Zugang zu ihnen verloren gegangen. Um diesen Zugang wiederherzustellen, muss man wissen: (a) dass es Selbstheilung gibt, (b) wie sie funktioniert und (c) muss ich mich und meine eigene Sprache wieder lesen lernen. Daher "Code". Aber das ist keine Wunderpille. Und kein Code wie für ein Zahlenschloss, das aufgeht, wenn ich 1-7-9 eingebe. Das ist es eben nicht.

Sondern? 

Zunächst ist für mich sehr wichtig, festzustellen: Nach guten 20 Jahren moderner klinisch-medizinischer und naturwissenschaftlicher Forschung in diesem Bereich plus mindestens zweieinhalbtausend Jahren kulturell überlieferter Wissenschaft können wir fundiert und mit Selbstbewusstsein ein Zwischenfazit ziehen: Obwohl die moderne Medizin die Selbstheilungskräfte lange ignoriert beziehungsweise als Placeboeffekt wegdefiniert hat, sind wir heute an einem Punkt angelangt, wo man feststellen kann: Sie existieren. Und sie sind ein wichtiger Teil der Medizin. Sie sind keine Alternative, auch keine Alternativmedizin, sondern sie gehören ganz einfach dazu. So wie sie schon bei Hippokrates ein wichtiger Teil der Medizin waren. Und mein alter Chef in Harvard, Herbert Benson, hat immer gesagt: Der dreibeinige Stuhl einer guten, ganzheitlichen Medizin besteht erstens aus den Medikamenten, die der Arzt oder Therapeut mir gibt, zweitens aus dem, was er…

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30.06.2017