Lesezeit 20 Min
Wirtschaft

Raum für das Explore

"Nichtwissen bedeutet nicht Resignation, sondern Staunen, Entdecken und Erkennen" - ein Gespräch mit Bernhard von Mutius

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von
Winfried Kretschmer
Lesezeit 20 Min
Wirtschaft

Das Nichtwissen im Wissen akzeptieren. Mit Komplexität umgehen lernen. Im Sowohl-als-auch denken: Chaos, aber auch Ordnung. Kontingenz akzeptieren: dass es meist anders kommt, als geplant. Und alles anders sein könnte, als es ist oder scheint. Nicht zuletzt: Widersprüche annehmen und produktiv machen. In unserem Interview umreißt Bernhard von Mutius die Koordinaten eines neuen Denkens in unserer Zeit, die eine Übergangszeit ist. Das Ziel: Den Raum zu öffnen für das Entdecken und Erkunden, für das Explore. Die Vision am Ende: Es ist Zeit für ein europäisches, freiheitliches, aufgeklärtes Modell des Wirtschaftens.

Ein Interview am Ende einer Tagung. Im Hintergrund läuft der Abbau. Trolleys rattern vorbei. Leute telefonieren. Nach ein paar Fragen brechen wir ab. Zu unruhig, zu laut. Das Interview bleibt ein Fragment, irgendwo gespeichert, beinahe vergessen. Als Bernhard von Mutius dann sein neues Buch Disruptive Thinking vorlegt, rückt das Stück wieder ins Blickfeld. Wir knüpfen an das Gesagte an, ergänzen, führen fort. Und bringen die Perspektive von damals, 2014, und heute, 2017, zusammen. Daraus entsteht ein Stück, das präzise die Konturen eines neuen Denkens umreißt. Und konsequent die Form des Denkens in den Mittelpunkt rückt.

Bernhard von Mutius ist promovierter Sozialwissenschaftler und Philosoph, systemischer Berater und Senior Advisor an der HPI School of Design Thinking. Der Zukunftsdenker, der namhafte deutsche und internationale Unternehmen berät, ist Autor mehrerer Bücher über neues vernetztes Denken und über die Schönheit der Einfachheit.

Beginnen wir ganz allgemein: Was müssen wir wissen, um den rapiden Wandel unserer Welt zu verstehen? 

Erstens, dass wir uns in einer Übergangszeit befinden. Übergangszeiten sind Perioden, fast Epochen. Der alte Begriff Epoche bedeutet ja eine Zäsur, aber in Wirklichkeit geht das über große Zeiträume hinweg. Denken wir daran, wie lange die Industrialisierung gedauert hat. Das ging über Generationen. Wenn man sich das klarmacht, gelangt man zu einem anderen Verständnis. Übergang heißt dann nicht, dass gleichsam ein Schalter umgelegt wird, und wir haben ein neues Paradigma, ein neues Verständnis von etwas - die Next Organisation oder die Next Society. Sondern das ist eine Übergangsphase. Mit Ungleichzeitigkeiten: Das Tempo des technologischen Wandels wird immer höher. Aber Organisationen haben eine andere Veränderungsgeschwindigkeit. Menschen haben andere Rhythmen. Und soziale Systeme brauchen sehr viel länger, um sich auf das Neue einzuschwingen. Das muss man sich klarmachen. Das ist der erste Punkt: Wir leben in einer Übergangszeit. 

Der zweite Punkt ist, dass…

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10.11.2017