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Wissen

Der übende Mensch

"Top. Die neue Wissenschaft vom Lernen" - das neue Buch von K. Anders Ericsson mit Robert Pool

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von
Anja Dilk
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Talent wird überbewertet, das spricht sich langsam rum. Die Erkenntnis aber geht tiefer: Eine angeborene Begabung, die festlegt, wozu ein Mensch in der Lage ist, gibt es nicht. Unser Gehirn ist anpassungsfähig; durch üben kann es Fähigkeiten erwerben, die vorher nicht vorhanden waren. Damit wird Lernen zu einem Mittel, Fähigkeiten zu kreieren, statt Menschen dazu zu bringen, ihre angeborenen Talente optimal zu nutzen. Das könnte eine Revolution des Lernens ankündigen. Zumal sich dahinter kein Alles-ist-möglich-Versprechen eines zweifelhaften Motivationspredigers verbirgt, sondern eine ausdifferenzierte, fundierte Methode. Eine Methode, mit der sich Lernen lernen lässt.

Die Geschichten sind bekannt: Mit sechs ging er als Pianist und Geiger auf Europatour, schrieb seine ersten Kompositionen und faszinierte die Menschen mit seinem absoluten Gehör. Der junge Mozart, kaum groß genug, um über all seine Tasteninstrumente schauen zu können, die er so spielerisch leicht beherrschte, konnte jede Note auf Anhieb am Klang erkennen. Ein Ais in der zweiten Oktave, ein Es unter dem eingestrichenen C - kein Problem. Egal mit welchem Instrument es gespielt wurde, egal ob er dieses Instrument überhaupt sehen konnte. Das vermochte kein erwachsener Musiker seiner Zeit. Die Menschen waren sich sicher: Wolfgang Amadeus Mozart ist ein Wunderkind, ein Naturtalent, mit geheimnisvollen Gaben gesegnet.

Heute weiß es die Forschung besser. "Absolutes Gehör" ist lernbar. Das zeigte 2014 der Psychologe Ayako Sakakibara an der Ichion-kai Music School in Tokio in einem Experiment mit 24 Kindern im Alter zwischen zwei und sechs…

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02.05.2016