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Geschichte

Die Erben der Wikinger

Die Christianisierung der Wikinger im Mittelalter beeinflusste die kulturelle Entwicklung Skandinaviens ganz entscheidend

By Giogo (Own work) [Public domain or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
von
Arnulf Krause
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Geschichte

Über den Autor

Arnulf Krause ist promovierter Germanist und Skandinavist, erfolgreicher Sachbuchautor und Experte für germanische Heldensagen und die Dichtung der Edda. Er lehrt als Honorarprofessor am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn.

Bibel statt Beutezug, Litaneien statt Lösegeld – die Christianisierung der Wikinger im Mittelalter beeinflusste die kulturelle Entwicklung Skandinaviens ganz entscheidend. In zahllosen Volksliedern besungene Helden wie Ragnar Lodenhose gerieten in Vergessenheit – bis die Renaissance sie zu neuem Leben erweckte. Arnulf Kruse spannt den rezeptionsgeschichtlichen Bogen bis in das 20. Jahrhundert und zeigt, was Hägar der Schreckliche und Egil Skallagrimsson gemeinsam haben.

Französische Nachfahren der Wikinger

911: Die Wikinger und die Geburt der Normandie

Als Krieger, Siedler und Händler hinterließen die Wikinger mancherorts außerhalb Skandinaviens ihre Spuren – von den archäologischen Relikten Neufundlands bis zum Landesnamen Russlands. Am offensichtlichsten erinnert an sie jedoch die Bezeichnung der nordwestfranzösischen Normandie: »Land der Normannen«, »Land der Nordmänner«. Wie im ersten Kapitel dargelegt, hat man sich angewöhnt, zwischen den Wikingern und den französischen Normannen zu unterscheiden. Letztere wurden im Jahre 911 gewissermaßen aus der Taufe gehoben und glichen sich in wenigen Jahrzehnten derart ihrem romanischem Umfeld an, dass sie mit ihren skandinavischen Vorfahren nur noch wenig gemein hatten. Deshalb reicht die Geschichte der Normannen weit über die Wikingerzeit hinaus bis in die Zeit der Kreuzzüge und der hochmittelalterlichen Dynastie der Staufer. Doch obwohl die Menschen vom Ärmelkanal und seinem Binnenland vorbildliche Christen und Ritter waren, glaubt man in ihnen noch die Mentalität der Wikinger zu erkennen. Mobilität, Unternehmungsgeist und notfalls Skrupellosigkeit gehörten zu ihren hervorstechendsten Eigenschaften. Darüber hinaus waren die normannischen Krieger vielen Feinden waffentechnisch überlegen und hatten sich das Wissen um den Schiffbau bewahrt. Ihre Historie ist deswegen nicht nur ein Nachklang der Wikinger, sondern pflegt deren Geist in neuem Gewand weiter fort.

Den Anfang des erstaunlichen Wikingerstaates in der Normandie bestritt um das Jahr 900 ein Anführer namens Rollo. Von ihm erzählt der Isländer Snorri in einer seiner Sagas. Rollo stammte von einem norwegischen Jarl ab und sei ein weit und breit gefürchteter Wikinger gewesen. König Harald Schönhaar sei über sein Treiben derart in Zorn geraten, dass er ihn des Landes verwiesen habe. Daraufhin habe sich Rollo den Britischen Inseln und anschließend dem Reich der Westfranken zugewandt, in dessen Norden er Plünderungszüge unternahm.

Dort stieß er auf den Karolingerherrscher Karl den Einfältigen, der tatkräftiger und ideenreicher war, als sein Beiname vermuten lässt. Immerhin gelang es seinen Heerführern, den zumeist dänischen Kriegern des Norwegers mehrere empfindliche Niederlagen beizubringen. Rollo befand sich anscheinend in einer derart misslichen Situation, aus der ihn nur noch ein möglichst schneller Rückzug aus Frankreich retten konnte. Da unterbreiteten ihm die Gesandten des Königs einen unerwarteten Vorschlag: Wenn er sich bereit erkläre, ihrem Herrn Treue zu schwören, Christ zu werden und die Küste vor anderen Wikingern zu schützen, erhalte er für sich und seine Leute ein Gebiet an der Seinemündung. Das Angebot klang für beide Seiten interessant und es gab etliche Präzedenzfälle. Schon Ludwig der Fromme hatte Dänenprinzen mit Land an der Weser belehnt; ebenso war in England Alfred der Große verfahren. Auf dem Festland hielt sich zwar keine dieser Wikingerkolonien auf Dauer, aber einen weiteren Versuch schien es beiden Parteien wert zu sein.

Also trafen sich der westfränkische König Karl und der norwegische Wikingerführer Rollo im Jahre 911 an dem Flüsschen Epte unweit der Seine. Zwischen ihnen und ihren Unterhändlern wurden zähe Verhandlungen geführt, bei denen Rollo fruchtbares Siedelland forderte – was natürlich auch im Interesse des Königs lag. Denn die dort siedelnden Dänen und Norweger sollten damit ihr Auskommen haben und keine Raubzüge mehr unternehmen. Schließlich einigte man sich auf das Mündungsgebiet der Seine einschließlich der Stadt Rouen. Dort sollte Rollo als Graf nach eigenem Gutdünken schalten und walten. Seine Verpflichtung bestand allerdings darin, das Land und die Küste vor Überfällen zu schützen, die insbesondere von anderen Wikingern ausgingen. Rollo ließ sich taufen und nahm den Namen Robert an.

Schon bald hörte man in Skandinavien und wahrscheinlich ebenso in England von dem neuen Siedlungsgebiet jenseits des Meeres. Wie viele Menschen dorthin kamen, ist ungewiss; jedenfalls bildeten ihre Anführer die Oberschicht, während sich die Bauern mit den fränkischen Siedlern arrangierten. Die Landnahme lief sicherlich nicht immer problemlos ab und mancher Alteingesessene dürfte von seinem Grund und Boden vertrieben worden sein. Insgesamt integrierten sich die Neuankömmlinge recht gut und viele verheirateten sich mit fränkischen Frauen. Dazu zählten in erster Linie die Anführer, welchen der einheimische Adel gern seine Töchter als Frauen gab. Denn enge verwandtschaftliche Beziehungen garantierten am ehesten eine gute Nachbarschaft und trieben eine schnelle Integration voran.

Die auf 911 folgenden Jahrzehnte waren aber sicherlich keine Friedenszeit. Denn einmal gaben sich Rollo und seine Nachfolger mit dem erhaltenen Land noch lange nicht zufrieden. Sie erweiterten ihren Herrschaftsbereich außerordentlich, indem sie sich von der Seine aus westwärts Gebiete eroberten. So gelangten sie in den Besitz der Städte Caen und Bayeux sowie der gesamten Halbinsel Cotentin – bis ein Gebiet zusammenkam, das im Großen und Ganzen der heutigen Normandie entsprach. Aber nicht nur deswegen erwiesen sich die skandinavisch-stämmigen Fürsten als unruhige französische Landesherren. Der König konnte sich beileibe nicht hundertprozentig darauf verlassen, dass sie ihren Aufgaben nachkamen. Noch längere Zeit gehörte es zur Tagesordnung, dass man mit plündernden Landsleuten aus Skandinavien gemeinsame Sache machte oder ihnen zumindest sichere Häfen anbot. Überhaupt wurden bis ins 11. Jahrhundert enge Beziehungen zu den nordischen Königreichen gepflegt.

Während sich die Normannen in all den Jahren gegen äußere Feinde wie französische Heere und Krieger der benachbarten keltischen Bretonen erfolgreich zur Wehr setzten, bereiteten innere Fehden dem jungen Fürstentum größere Probleme. Die Herrscher sahen sich wie die Könige Skandinaviens dem energischen Widerstand einzelner Adliger gegenüber, die traditionell über beträchtliche Freiräume verfügten. Da diese aber…

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