Lesezeit 8 Min
Gesellschaft

Zwischen den Welten

Wie junge Menschen, die in ultraorthodoxen Familien in Israel aufwachsen, in ein anderes Leben zu entkommen versuchen

Maksim Dubinsky / Shutterstock.com
von
Inge Günther
Lesezeit 8 Min
Gesellschaft

JERUSALEM. Noch bis vor Kurzem führte Lea ein Doppelleben. In der Ausgehszene in Downtown Jerusalem ließ sie sich im sexy engen Outfit blicken. Aber wo immer sie hinging, war tief in ihrer Tasche ein braver wadenlanger Rock verstaut. Irgendwo auf dem Heimweg in das strikt religiöse Ramat Schlomo, eine Siedlung im Ostteil der Stadt, fand dann die Verwandlung statt. Lea streifte den züchtig weiten Rock über die Röhrenjeans und schlüpfte in eine langärmelige, hochgeschnittene Bluse, die Ellbogen und Handknöchel verdeckt.

Zumindest nach außen hin entsprach sie nun wieder der sittsamen Haredit - der gottesfürchtigen jüdischen Frau. Dabei waren ihr persönlich die Ultraorthodoxie und deren penible Kleidungsvorschriften ziemlich egal. Lea Yefet wahrte den Schein nur ihrer Familie zuliebe. "Ich wollte sie vor bösem Klatsch der Nachbarn bewahren", sagt die 23-Jährige.

„Alles wird kontrolliert“

Vor einem Monat zog Lea bei der Mutter aus, um so zu leben, wie sie will. "Sie haben es wahrscheinlich alle kommen sehen", sinniert sie im Rückblick und meint ihre geschiedenen Eltern, ihre Lehrer, die vertrauten Menschen aus Ramat Schlomo. Ihr Bruch mit der reglementierten Welt der Strengfrommen vollzog sich schleichend. Der erste Knacks kam, als sie mit 16 Jahren von der religiösen Mädchenschule flog, weil sie mit einem Jungen gesprochen hatte. "Alles, was du tust, wird kontrolliert", erinnert sich Lea an diese Zeit. "Aber du bist in der Pubertät, empfindest…

Jetzt weiterlesen für 0,44 €
01.03.2016