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Gesellschaft

Zwei Länder in einem

Warum Ost und West sich weiterhin so fern sind und so fremd bleiben

canadastock / shutterstock.com
von
Markus Decker
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Gesellschaft

Der ältere Herr in Heidenau hatte mich sofort identifiziert. "Guck nicht so wessihaft arrogant!", sagte er, als er mich sah. Ein Blick genügte. Ich fühlte mich ertappt und grundlos beschämt. Ein anderer Mann, vielleicht zehn Jahre jünger, trug ein Schild vor der Brust. Darauf stand: "Onanieren und hartzen - mein Beitrag für mehr Weltoffenheit". Das stand da wirklich. Er hatte nach eigenem Bekunden seit fünf Jahren keine Frau mehr und seit neun Jahren keinen Job. Nun bot sich ihm die große Bühne zur umfassenden Selbstdemütigung. Schließlich war da noch der Zeitgenosse direkt vor mir, der die neben ihm stehende Zeitgenossin fragte, ob sie schon mal in der islamischen Welt gewesen sei. "Wie denn?", fragte die zurück. Kein Geld. Sie hartze doch.

Die vier Sachsen und ich waren fünf von mehreren Hundert Menschen, die Mitte August 2015 an einem brütend heißen Tag auf die Kanzlerin warteten. In Heidenau hatten zwei Nächte hintereinander "besorgte Bürger" und organisierte Rechtsextremisten vor einem Baumarkt randaliert, in dem muslimische Flüchtlinge wohnten. Angela Merkel kam, um ein Zeichen gegen die Unmenschlichkeit zu setzen. Manche riefen ihr "Volksverräterin" zu, andere: "Verpiss dich!" Ich war so erschrocken wie lange nicht. Mir schien, als würde ich mich in einem mir fremden Land befinden: in Ostdeutschland. Dabei stimmt das gar nicht.

Nichts zu beschönigen

Viele Westdeutsche sind ja der Meinung, dass dieses Ost-West-Ding…

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01.10.2016