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Politik

Wandler zwischen den Welten

Tüftler und Grübler hat man ihn genannt, Patriot, aber auch Verräter. Visionär und listenreich brachte er als enger Mitstreiter und Emissär Willy Brandts die Entspannungspolitik auf den Weg. Dafür genoss er später in allen Lagern große Anerkennung

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von
Holger Schmale
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Politik

BERLIN. Egon Bahr sitzt an seinem Schreibtisch im Willy-Brandt-Haus und schaut den Besucher erwartungsvoll an. Zigarettenqualm steht in der Luft. "Wollen Sie auch eine?", fragt er und hat die Marlboro-Packung schon in der Hand. "Abgewöhnen lohnt sich nicht mehr." So begannen bis in die jüngste Zeit viele Gespräche mit Egon Bahr, wenn man ihn im Büro besuchte.

Er kam noch immer dreimal in der Woche hierher, erledigte Post, machte Termine. Er war bis zuletzt ein viel gefragter Mann. Auch, weil er sich so gut mit den Russen auskannte und manche ihn als Putin-Versteher schätzten oder kritisierten. Egon Bahr polarisierte bis zuletzt.

Er sprach dabei so klar und druckreif, wie er es seit eh und je getan hat. Dabei war Egon Bahr kein Mann großer Worte. Was er aber zu sagen hatte, kleidete er in prägnante Sätze und Wendungen von analytischer, bisweilen sarkastischer Schärfe. Zeugnis ihrer Brillanz ist, dass sie über Jahrzehnte im Gedächtnis haften blieben. "Bisher hatten wir keine Beziehungen. Jetzt werden wir schlechte Beziehungen haben. Und das ist der Fortschritt." Das war so ein Satz, mit dem er 1972 den von ihm ausgehandelten "Grundlagenvertrag" über die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR kommentierte. "Jetzt haben wir endlich die Probleme, die wir uns 40 Jahre lang gewünscht haben", war wieder so ein Satz. Flapsig und doch überaus treffend umschrieb Bahr so 1989 die Folgen der Wende in der DDR und des Mauerfalls.

Ereignisse,…

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21.08.2015