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Gesellschaft

„Viele haben Angst, das Wort ,Jude‘ auszusprechen“

Dmitrij Belkin kam als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Er spricht über Schubladendenken, die Jüdische Gemeinde und eine unsichtbare Grenze

BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK
von
Susanne Lenz
Lesezeit 10 Min
Gesellschaft

Die Bücherregale in dem schönen Altbauzimmer in Wilmersdorf reichen fast bis zur Decke. Hier lebt seit dreieinhalb Jahren der Historiker Dmitrij Belkin mit seiner Familie. Im Regal steht auch sein Buch "Germanija. Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde", in dem er so angenehm unsentimental wie ironisch beschreibt, wie er 1993 als Kontingentflüchtling aus der Ukraine nach Deutschland kam und sich einlebte.

Wurstmigration - so hat man in der Sowjetunion die Emigration von Juden nach Deutschland genannt. Warum dieser Begriff?

Wir würden nur gehen, um besser zu essen - das war damit gemeint. Es war eine verächtliche Bezeichnung - von Einheimischen, die sagten, die verlassen das sinkende Schiff. Und von Juden, die nach Israel gegangen sind, und sagen wollten: Man geht als Jude nicht in das Land des Holocaust. Im Nachhinein habe ich nichts dagegen: Die Wurst hat uns geschmeckt.

Sie haben eine Zeit lang in Tübingen gelebt, dann in Frankfurt am Main und jetzt in Berlin. Wie kann man das jüdische Leben in diesen Städten vergleichen?

In Tübingen gibt es keine Synagogen, eine kleine Gemeinde, nur ein paar jüdische Familien und Uni-Leute. Mit einer jüdischen Familie aus Moskau waren wir eng befreundet und haben durch sie das religiöse Judentum entdeckt. Frankfurt ist eine Stadt mit einer selbstbewussten jüdischen Gemeinde, in die wir aufgenommen wurden. Berlin ist alles, auch jüdisch gesehen. Es…

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11.04.2017