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Kultur

Um dir ins Gesicht zu schießen, brauche ich eine Sekunde

Neapel ist eine Metapher, sagt der italienische Schriftsteller Roberto Saviano über sein neuestes Buch. Nur wem es die Augen öffnet über seine eigene Lage, ja über sich, wird sich und seine Lage verbessern können.

falco / pixabay.com
von
Arno Widmann
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Sonntag, der 11. März, ist ein warmer Tag in Berlin. Roberto Saviano (geboren 1979 in Neapel) und ich sitzen auf der Terrasse eines Hotels. Heute Abend wird er im Haus des Rundfunks aus seinem neuen Buch lesen. Die Veranstaltung war wenige Stunden nach ihrer Bekanntmachung ausverkauft. Seit er 2006 den Tatsachenroman "Gomorrha" veröffentlichte, ist Saviano einer der bekanntesten Autoren der Welt. Seitdem droht ihm das organisierte Verbrechen mit dem Tod, er lebt unter Polizeischutz. "Gomorrha" wurde verfilmt und zu einer weltweit verbreiteten Fernsehserie verarbeitet. Sein neuer Roman "Der Clan der Kinder" erzählt die Geschichte, wie Kinder - alle unter 16 -, die bei ihren Eltern leben und in die Schule gehen, eine Gang aufbauen und auf ihren Mopeds mordend durch die Straßen Neapels ziehen.

Lieben Sie Nicolas, die Hauptfigur Ihres Romans?

Lieben? Nein, ich glaube nicht. Aber ich mag ihn. Ich habe deshalb Schuldgefühle. Er ist schließlich ein Krimineller, hat unschuldige Menschen umgebracht. Aber er ist ein Kind. Er tut mir leid. Ich würde ihn so gerne retten, aber ich kann nicht. Natürlich hat niemand so viel Macht über seine Figuren wie ein Autor. Aber für mich sind die Tatsachen das Wichtigste, und für Leute wie Nicolas gibt es in der Realität kein Happy End. Sie wissen, dass sie allenfalls noch fünf, sechs Jahre vor sich haben. Dann werden sie tot sein.

Ihr Realismus steht Ihrer Liebe im Weg?

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17.03.2018