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Kultur

Typisch Mann: ich, ich, ich

Jahrzehntelang war er der Held der Münchener Theaterwelt, er hat die Kammerspiele zu Weltruhm geführt und arbeitet jetzt wieder da, wo seine Laufbahn begann: in Berlin. Ein Gespräch mit dem Regisseur und Intendanten Dieter Dorn über "La Traviata" in der Staatsoper, seine Jugend in der DDR und Geschlechterbeziehungen auf der Bühne

BERLINER ZEITUNG / PAULUS PONIZAK
von
Irene Bazinger
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Dieter Dorn möchte einen schwarzen Kaffee. Wir sitzen in einem großen Besprechungsraum des Schiller-Theaters, wo die Berliner Staatsoper derzeit untergebracht ist. Dorn hat gerade eine Probe zu "La Traviata" hinter sich und den Klavierauszug noch griffbereit. Das Foto eines Gemäldes von Georges de la Tour steckt zwischen den Seiten, zeigt eine Frau, die bei Kerzenschein in einen Spiegel blickt. Es ist Maria Magdalena, aber für Dorn ist sie eine Art Violetta, wie die Traviata, die vom Weg Abgekommene, in der Oper ja heißt. Sie hat eine Hand auf einem Totenkopf in ihrem Schoß, und der Regisseur, der natürlich in Bildern denkt, sieht in ihr den Inbegriff menschlicher Vergänglichkeit: "Wir schauen in den Spiegel und sehen - jede Sekunde arbeitet der Tod!" Dann lacht er, schüttelt seine graue Mähne und freut sich des Lebens.

Herr Dorn, sagen Sie zuerst einmal, wie finden Sie heutzutage Berlin im Gegensatz zu München?

Puh, da müssten wir eigentlich bis morgen früh reden. Nun ja, vielleicht nur so viel: In Berlin sind die Straßen und die Bürgersteige erheblich breiter als in München. Es sind viel mehr Menschen unterwegs, aber das führt nicht dazu, dass die auch mehr miteinander zu tun haben, ist mir aufgefallen. Die meisten starren nur auf das Smartphone in ihrer Hand und wechseln keinen Blick mit den anderen. Neulich rempelte mich eine junge Frau an. Sie entschuldigte sich zwar, nahm mich aber höchstens als Verkehrshindernis wahr, nicht als Menschen. In München ginge das nicht, da wäre es viel zu eng, um sich so fortzubewegen, da würde den Leuten dauernd ihr Apparat aus den Händen fallen. Was vielleicht auch hier gar nicht so schlecht wäre.

Kann man sagen, dass Ihre Karriere im Grunde in Berlin begonnen hat?

Eigentlich ja, denn als ich 1956 die DDR verließ, kam ich erst mal in den Westteil der Stadt.

Können Sie sich noch erinnern, wie Sie diesen Systemwechsel damals erlebten?

Das vergisst man nicht!…

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19.12.2015