Lesezeit 8 Min
Kultur

Stefanie Reinsperger lügt nicht

Die Österreicherin ist seit dieser Spielzeit Mitglied des Berliner Ensembles und steht bereits vor der dritten Großpremiere

BERLINER ZEITUNG / MARKUS WÄCHTER
von
Ulrich Seidler
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Kultur

Als wir uns in Kreuzberg trafen, ging in der Nähe gerade ein Schulfasching zu Ende. Einige von den Strapazen der Ausschweifung leicht desorientierte Schlüsselkinder trugen reststolz ihre schminkverschmierten Gesichter vor sich her und schienen ein bisschen sauer zu sein, dass unser Fotograf nur Augen für die zwar große, aber völlig unverkleidete blonde Frau hatte. Stefanie Reinsperger lächelte ihnen freundlich zu, sagte aber dann à part einen Satz, der für jemanden, der von Kindheit an Schauspielerin werden will, überraschend ist: "Ich hasse Fasching". Sich verkleiden? In eine Rolle schlüpfen? Aus seiner Identität ausbrechen? Zumindest Hafturlaub nehmen? Wenn das alles nicht eine Grundmotivation für Schauspieler ist, was dann?

Es gibt im Netz ein Zwölfsekundenvideo, das Stefanie Reinsperger bei einer Kostümprobe für ihre Buhlschaft im berühmten Salzburger "Jedermann" zeigt; da sieht man, dass sie doch Freude am Verkleiden hat. Es ist das erste Mal, dass die Österreicherin ein Dirndl anhat, ein himmelblaues mit grüner Schleife, der Rock fliegt schön, wenn sie sich dreht. In Berlin ist sie derzeit unter anderem in einem schwarzen und in einem roten Abendkleid zu sehen, mal in einem Hemdchen und mal in einem Dienstmädelkittel, mal mit rotem Haarschopf, mal mit korngelben Zöpfen. Trotzdem erkennt man sie immer, sofort und in jeder Figur wieder: ihre helle Präsenz, ihre Lust an der Verausgabung, ihre Furchtlosigkeit beim Hervorkehren von Angst, Schmerz, Lust, Bosheit…

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08.03.2018