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Verbrechen

Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Sollten wir aufhören, Reklame für den Terrorismus zu machen, indem wir unaufhörlich über seine Verbrechen und Verbrecher berichten? Sollten wir darauf verzichten, ihre Fotos über den ganzen Erdball zu verbreiten? Denn wer unter Dauerschock steht, verlernt zu differenzieren

Prazis / shutterstock.com
von
Arno Widmann
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Verbrechen

Differenzieren sollen wir. Da ist der Amokläufer, einer, der sich bewaffnet hat, durch die Straßen zieht und umbringt, wer immer ihm begegnet. Da ist der Heckenschütze, der sich ein Versteck gesucht hat, von dem aus er Menschen abschießt wie Kaninchen. Der ist zu unterscheiden von dem Heckenschützen, der nur Schwarze oder nur Menschen mit vermutetem Migrationshintergrund umbringt. Es gibt Serienmörder, die sich auf blonde, hochhackige Prostituierte spezialisiert haben, oder Schüler, die sich umbringen möchten, dabei aber am liebsten ein Dutzend Mitschüler mitnähmen. Es gibt Patienten, die ihre Ärzte umbringen. Es gibt religiöse Fanatiker, die behaupten, Allah habe sie beauftragt, Ungläubige umzubringen. Es gibt Menschen, die gründen eine Sekte, mit der sie eines Tages in den südamerikanischen Urwald fahren, um sich dort gemeinsam einem dem Rest der Menschheit unbekannten Gott zu opfern. Manche bringen - fast - ein ganzes Volk dazu, einen Teil dieses Volkes zu massakrieren. Es gibt Mütter, die ihre Säuglinge töten und die Leichen in Pflanzentöpfen verstecken. Es gibt kleine Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, Menschen umzubringen, um ihnen Nieren, Leber, Herz zu entnehmen, um sie auf dem international organisierten Organspenden -Markt zu verkaufen. Andere bringen Manager um und deren Chauffeure gleich mit. Die nächsten haben es auf türkische Kleinhändler abgesehen. Die nächsten stürzen in eine Redaktion, knallen jeden nieder, den sie dort sehen, weil sie…

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30.07.2016