Lesezeit 10 Min
Verbrechen

Lügner zweifeln nicht

Max Steller befragt Menschen, die vor Gericht stehen, und stellt fest, ob sie die Wahrheit sagen. Er ist Deutschlands renommiertester Aussagegutachter – und nach über vierzig Berufsjahren überzeugt, dass jeder unschuldig verurteilt werden kann

BERLINER ZEITUNG / PAULUS PONIZAK
von
Anja Reich
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Verbrechen

BERLIN. Max Steller bittet darum, seine Adresse nicht zu nennen, auch das Viertel solle man lieber nicht beschreiben, nicht das Haus, die Wohnung, den Balkon. Niemand soll wissen, wo er zu finden ist. Es habe da schon Situationen gegeben, sagt er, "Situationen, die nicht schön waren". Mitte der Neunzigerjahre war es am schlimmsten. Auf Veranstaltungen wurde er beschimpft, vor seinem Institut belagert, ein Privatdetektiv sollte sein Leben ausschnüffeln, Schwachstellen finden, irgendetwas, das ihn angreifbar machte. Auch jetzt, da er von zu Hause aus arbeitet, hat er keine Ruhe, bekommt Anrufe von Leuten, die er nicht kennt. Immer wieder klingelt während des Gesprächs sein Telefon im Arbeitszimmer. Max Steller sieht auf das Display. "Anonym", sagt er, und geht nicht ran.

Max Steller, 71, emeritierter Professor für forensische Psychologie an der Berliner Charité, ist Aussagegutachter. Er befragt Menschen, die vor Gericht stehen und stellt fest, ob sie die Wahrheit sagen, sich irren, bewusst lügen oder Scheinerinnerungen erliegen. Aufgrund seiner Expertisen wurde der Moderator Andreas Türck von den Vorwürfen der Vergewaltigung freigesprochen sowie alle 24 Angeklagten in den berühmt-berüchtigten "Wormser Kindesmissbrauchprozessen". Steller hat Mobbingopfer, denen niemand glauben wollte, zu ihrem Recht verholfen, Pfarrer, die sich an Kindern vergriffen, hinter Gitter gebracht, falsch beschuldigte Väter aus dem Gefängnis geholt und dabei nicht selten Polizisten,…

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13.10.2015