Lesezeit 17 Min
Geschichte

Kopf hoch, Lenin!

Abgerissen, begraben, auferstanden: Die unglaubliche Geschichte des Berliner Denkmals

WULF OLM
von
Anja Reich
Lesezeit 17 Min
Geschichte

Es sieht so aus, als sei die Zauneidechse erst in die Seddiner Grube gekommen, nachdem Lenin dort abgeworfen wurde, schwerer ukrainischer Granit, 19 Meter lang, in 129 Teile zerlegt, am größten der Kopf. Zum Anfang lag er einfach so da, aber dann, als Souvenirjäger nach ihm suchten und an ihm herumhämmerten wie an der Berliner Mauer, schütteten Forstarbeiter Sand und Schutt auf das Denkmal. Ein Hügel entstand. Auf dem Hügel wuchsen Blumen, Büsche, kleine Bäume, und die Zauneidechse hatte alles, was sie zum Leben brauchte: einen Berg, auf dem sie sich im Sommer sonnen konnte, und Gesteinsritzen für den Winterschlaf. Außerdem: Holz, Sand, Gestrüpp, Pflanzen, alles durcheinander. Die Zauneidechse liebt die Unordnung, das Chaos.

Antje Stavorinus lächelt wie eine Mutter, die stolz ist auf ihr etwas verzogenes Kind. Sie ist Sprecherin der Bezirksgruppe des Naturschutzbundes Treptow-Köpenick und die Vorstellung, wie die Eidechse, dieses archaische Tier, den alten russischen Revolutionär in Beschlag genommen hat, gefällt ihr gut. So ein Denkmal sei der perfekte Lebensraum für die Zauneidechse, sagt sie. Günstig sei auch die Witterung, hier im Osten regne es weniger als im Westen. "Wir in Köpenick sind prädestiniert für die Zauneidechse", sagt Antje Stavorinus.

Sie trägt einen Strickpullover, kurze Haare, Jeans; eine 44-jährige Wirtschaftsingenieurin, die nicht weit von hier, in Erkner, aufgewachsen ist. Für das Gespräch hat sie die Dresdner Bäckerei in Friedrichshagen ausgesucht, in der unter anderem Anti-Flugrouten-Brötchen verkauft werden, deren Erlös der Anti-Flugrouten-Bürgerinitiative zugutekommt. Es gibt viele Fronten, an denen man in Köpenick kämpfen kann. Gerade hat ein Mann Klage gegen den Senat erhoben, weil für den Bau eines Flüchtlingsheimes Bäume gefällt wurden, in denen womöglich Fledermäuse nisteten. Flüchtlinge und Fledermäuse. Auch kein einfaches Thema.

Dass Lenin nun wieder ausgebuddelt wird, findet Antje Stavorinus gar nicht verkehrt. Sie hat nie verstanden, warum es ausgerechnet ihm an den Kragen ging, sagt sie. Nur muss die Bergung gut geplant sein. Für die Eidechse könne so was nämlich sehr stressig werden. Die Erschütterung, der Krach, wenn der Kran kommt oder ein Hubschrauber! Die erste Reaktion sei, den Schwanz abzuwerfen. Es könne aber auch Tote geben.…

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23.05.2015