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Politik

Im zweiten Anlauf

Joachim Gauck ist nicht gradlinig ins Schloss Bellevue gekommen, doch mit Einmischung und Interventionen hat er dem Amt neue Reputation verliehen. Er war der letzte Offline-Präsident. Nun folgt sein Nachfolger.

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von
Holger Schmale
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Politik

Yes, we Gauck! Diese merkwürdige Parole stand am Anfang einer sieben Jahre währenden Geschichte, die am Sonntag mit der Wahl eines neuen Bundespräsidenten ihrem Ende nahe kommt. Sie hat manche Aspekte und Ebenen, sie ist aber auch und nicht zuletzt eine Mediengeschichte, die einiges über die Veränderung der politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik während der letzten Jahre erzählt.

Denn dieses "Yes, we Gauck!" war ja kein Scherz von Anhängern des Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck, geboren aus der damaligen Euphorie über den neuen US-Präsidenten Barack Obama und seine Parole "Yes, we can". Es war die Schlagzeile der Bild am Sonntag. Das war im Juni 2010, als SPD und Grüne Joachim Gauck als Gegenbewerber zum Kandidaten der Kanzlerin und ihrer schwarz-gelben Koalition, als Alternative zu Christian Wulff, ausgerufen hatten. "Der bessere Präsident" titelte am Tag darauf der Spiegel in überraschender Eintracht mit dem Springer-Blatt über einem Porträt des Ostdeutschen.

Wer sich mit der medialen Rezeption des Bundespräsidenten Joachim Gauck beschäftigt, kann diese Vorgeschichte nicht ausblenden. Denn auch das ist schon und vor allem eine Mediengeschichte. Der Fall Wulff kennzeichnet über den bloßen Präsidentenwechsel hinaus eine Zeitenwende. Es ist wahrscheinlich das letzte Mal, dass die herkömmlichen Medien die Macht zu einer so wirkungsvollen politischen Intervention entfalten konnten. Diese Macht ist heute eher an die sogenannten sozialen Medien übergegangen.

Eine Welle des Populismus konnten damals vor allem die Zeitungen noch einmal aufbauen und eine Weile auf ihr surfen, bis diese Welle über ihnen zusammenschlug - und einen Teil des wichtigsten Kapitals der Medien, das Vertrauen der Leser und Zuschauer, verschluckt hat. Das heute weit verbreitete Misstrauen gegenüber Journalisten und gegenüber dem Typus des Berufspolitikers hat auch…

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11.02.2017