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Gesellschaft

Gegen die Stille

Schreiben über das Unaussprechliche: Zum Tod des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel (1928-2016)

lev radin / Shutterstock.com
von
Arno Widmann
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Gesellschaft

Elie Wiesel war fünfzehn, als er nach Auschwitz kam. Ein Talmudlehrer nahm sich dort seiner an, und jedes Mal, wenn sie zusammen waren, studierten sie den Talmud. Ohne ein Buch, ohne ein Blatt Papier, ohne etwas zu schreiben. Sie diskutierten nicht gebeugt über einen Text. Sie lernten und interpretierten den gesprochenen Talmud. Während um sie herum Tausende vergast wurden. Eines Nachts führte sein Lehrer Elie Wiesel in seine Baracke. Dort hielten drei große jüdische Gelehrte - mit Elie Wiesel als ihrem einzigen Zeugen - Gericht über Gott. Es wurden Beweise gesammelt, Zeugen gehört, und am Ende fällten die drei einstimmig das Urteil: Der allmächtige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, wurde schuldig gesprochen, Verbrechen begangen zu haben gegen die Schöpfung und gegen die Menschheit. Danach herrschte - so Wiesel - die "Unendlichkeit der Stille". Bis Wiesels Talmudlehrer zum Himmel blickte und erklärte: "Es ist Zeit für das Gebet." Die drei Gelehrten erhoben sich und sprachen, wie Juden es seit Jahrtausenden tun sollen: "Höre Israel, der Ewige ist Gott, der Ewige ist einzig …"

Diese Geschichte ist der ganze Elie Wiesel. Da ist das Wissen darum, dass die Stille gebrochen werden muss. Sie dehnt sich sonst aus, unterwirft sich Raum und Zeit. Man muss sprechen, um sich klar zu werden, was mit einem passiert, um zu begreifen, wo man lebt und wie man es tut. Die Unendlichkeit ist nichts für Menschen. Sie müssen die Dinge, die Welt erfassen, sie in ihren…

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04.07.2016