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Kultur

Es war ein liebenswerter Albtraum

Ein Interview mit dem Regisseur Jean-Jacques Annaud

Denis Makarenko / Shutterstock.com
von
Petra Ahne
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Jean-Jacques Annaud erkennt man schon von Weitem, niemand sonst im Hotel Bayerischer Hof trägt einen so ungebändigten weißgrauen Lockenkopf. Am Abend zuvor hat Annaud, 71, im Rahmen des Münchener Filmfests den renommierten Ciné Merit Award bekommen – ein Preis für Verdienste an der Filmkunst. Katja Eichinger hat Annauds Filme in ihrer Laudation "Zeitmaschinen" genannt, die verlorene Welten zurückbrächten. Die erfolgreichste dieser Zeitmaschinen hat der französische Regisseur vor dreißig Jahren mit Katja Eichingers verstorbenem Mann Bernd dem Kinopublikum beschert: "Der Name der Rose", die Verfilmung von Umberto Ecos gleichnamigem Roman, eine komplexe, im 13. Jahrhundert in einem Benediktinerkloster spielende Kriminalgeschichte. Aber Jean Jacques Annaud ist auch hier, weil sein neuestes Werk auf dem Filmfest gezeigt wird: "Der letzte Wolf", wieder eine Literaturverfilmung, diesmal von einem chinesischen Bestseller. Annaud hat aus dem Buch eine bildgewaltige Reise in die Mongolei der Sechzigerjahre gemacht – opulent in Szene gesetzt mithilfe von 25 Wölfen, 200 Pferden, 1 000 Schafen und fast 500 Technikern.

"Der letzte Wolf" ist eine chinesisch-französische Koproduktion. Wie kam es dazu? Nach "Sieben Jahre in Tibet", dessen Kritik an der Besetzung Tibets bei den Behörden nicht gut ankam, hieß es, Sie seien in China fortan unerwünscht.

Ich fand es berührend und auf eine Art auch weise, dass die Chinesen gerade mich gebeten haben, diesen Film zu machen. Vor sieben Jahren kam eine kleine Delegation zu mir nach Paris und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, "Der Zorn der Wölfe" zu verfilmen, einen der erfolgreichsten chinesischen Romane aller Zeiten. Sie sagten: Wir trauen Ihnen. Meine Filme werden in China viel gesehen, das wusste ich nicht. An Filmhochschulen sind sie Teil des Unterrichtsplans. Man kennt dort vor allem "Am Anfang war das Feuer", "Der Bär" und "Enemy at the Gates".

Aber es gibt eben auch den Tibet-Film. Und den "Liebhaber", der in China wegen der Sexszenen nicht gezeigt werden darf. Und trotzdem wollte man ausgerechnet Sie?

Ja, auf den ersten Blick paradox, nicht wahr? Ich habe natürlich gefragt: Warum nehmen Sie keinen chinesischen Regisseur? Die Antwort war: Wir haben mit einigen gesprochen, aber die wussten nicht, wie sie das Thema angehen…

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24.10.2015