Lesezeit 8 Min
Kultur

Erzähler und Fährtenleser

Umberto Eco hatte viele Gesichter. Er hat sie sich nacheinander aufgesetzt - und lustvoll mit ihnen gespielt. Am 19. Februar 2016 hörte er auf damit

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von
Arno Widmann
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Kultur

Im Jahre 1998 erschienen bei Hanser - Umberto Ecos deutschem Verlag - "Vier moralische Schriften". Eine von ihnen ist überschrieben: "Die Migrationen, die Toleranz und das Untolerierbare." Eco sagte damals seinen Lesern, sie täten gut daran, zwischen Immigration und Migration zu unterscheiden. Immigration sei regulierbar, beherrschbar. Wir Leser begreifen: Immigranten suchten eine neue Welt. Junge Männer brechen aus armen Dörfern auf, um ihr Glück zu machen. Sie sind Emissäre. Sie wollen und sollen ihre zu Hause gebliebenen Familien unterstützen. Das Geld, das sie in die Heimat schicken, ernährt ganze Ortschaften. Es ist ein wichtiger Faktor der Bilanz ihrer Herkunftsländer. Der Immigrant fällt in seiner neuen Welt auf. Aber er will das nicht. Er will unauffällig sein. Er integriert sich. So gut er kann. Seine Kinder sind nur noch äußerlich von ihren Klassenkameraden zu unterscheiden. Desto wütender reagieren sie zum Beispiel auf die Frage: "Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?" So viel zur Immigration.

Etwas ganz anderes, so sagt Umberto Eco, sei die Migration. Da brechen ganze Dörfer auf. Sie fliehen vor der Zerstörung, vor der Vernichtung ihrer Existenz. Die Fliehenden sind keine Emissäre, sondern Entwurzelte. Sie haben keine Heimat hinter sich zurückgelassen. Sie haben sie nur noch in sich. Sie sind nicht aufgebrochen in eine neue Welt. Sie wurden dorthin bombardiert. Alles wurde vernichtet. Sie verteidigen ihre Identität. Sie ist das Einzige, das ihnen…

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22.02.2016