Lesezeit 10 Min
Gesellschaft

Die Wohngemeinschaft

Hilde Schramm hatte Platz übrig in ihrem Berliner Haus - für die, die ihn am nötigsten brauchen. Jetzt teilt sie Küche und Bad mit zwei syrischen Flüchtlingen

BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER
von
Petra Ahne
Lesezeit 10 Min
Gesellschaft

BERLIN. Das Buch steht mit dem Umschlag nach vorn im Regal, ein leerer Bahnsteig ist darauf gemalt und ein Mädchen mit einem großen Koffer. Es ist wohl gerade mit dem Zug angekommen, aber niemand ist da, um es abzuholen. "Die lange lange Reise" heißt das Kinderbuch, Ahmad Al Hajali hat es noch nicht gelesen, aber er weiß, worum es geht: Ein Kind muss vor dem Krieg in ein anderes Land fliehen und sich dort allein durchschlagen, die Geschichte spielt im Zweiten Weltkrieg, in Estland und Schweden. Ahmad Al Hajali weiß auch, dass der Nachbar, der ihm das Buch zum Deutschlernen geschenkt hat, es bewusst ausgewählt hat: weil die Geschichte des Mädchens auch seine, Ahmads, Geschichte ist.

Vielleicht gibt es noch einen zweiten Grund, nämlich den, dass sich an den Menschen, die nun in dieser prächtigen alten Villa in Lichterfelde zusammenleben und von denen Ahmad Al Hajali einer ist, etwas zeigt: Schreckliches wiederholt sich zwar, immer noch werden Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Aber es passiert auch Gutes zwischen den Menschen; und vielleicht ist es sogar aus dem Furchtbaren erwachsen.

Ahmad Al Hajali blickt auf das Buch, er lächelt sein feines hintergründiges Lächeln, das sich in den nächsten Stunden oft in seine Gesicht stehlen wird, wie ein leiser Kommentar. Er ist ja kein Kind mehr, könnte dieses Lächeln jetzt heißen, mit 26 Jahren ist es schon in Ordnung, eine Weile allein durch die Welt zu gehen. Die Umstände könnten nur angenehmer sein.

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16.06.2015