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Verbrechen

Die Selbstanklage

Weil Marty Stroud an die Todesstrafe glaubte, brachte er einen Unschuldigen ins Gefängnis. 30 Jahre später ringt der Anwalt mit dem Wissen, ein Leben zerstört zu haben

Robert J. Daveant / Shutterstock.com
von
Damir Fras
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Verbrechen

SHREVEPORT. Im letzten Frühling fasst sich Marty Stroud ein Herz. Er macht, was er noch nie gemacht hat in seinen bald 64 Lebensjahren: Er schreibt einen Leserbrief an die örtliche Zeitung. Er braucht knapp 1 600 Wörter, dann ist es geschafft. Ansel Martin Stroud III., von allen nur Marty genannt, ist der erste und bis heute einzige Staatsanwalt in den USA, der in aller Öffentlichkeit um Entschuldigung für einen Fehler bittet. Er ist der Ankläger, dessen Übereifer dazu geführt hat, dass ein Unschuldiger fast drei Jahrzehnte lang in einer Todeszelle verschwindet. Und das, weil "ich arrogant, voreingenommen, narzisstisch und so von mir überzeugt war, dass mir an dem Sieg vor Gericht mehr lag als an der Gerechtigkeit", schreibt Stroud an die Shreveport Times. Sein Brief hat ihn bekanntgemacht, über die Grenzen seiner Stadt hinaus.

Man findet Marty Stroud in einem bemerkenswert hässlichen Betongebäude aus den Siebzigerjahren. Stroud, ein schmaler, blasser Mann mit leicht abstehenden Ohren und unrasiertem Gesicht, kippelt gefährlich auf seinem Bürostuhl, vor sich auf dem Tisch einen Ordner und einen Becher Kaffee. Er schaut einen nicht an, sondern blickt in eine Ecke seines Büros und sagt: "Willkommen in Louisiana. Hier ist die Todesstrafe leider immer noch wohlauf."

Die Wirkung der Vergeltung

Dann fährt er fort, im behäbigen Singsang eines Südstaatlers, bei dem sich die Worte nur schleppend aus dem Mund wagen: Die USA gehörten…

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05.01.2016