Lesezeit 10 Min
Gesellschaft

Die Rebellenkinder von Bellin

In Afrika geboren, in der DDR aufgewachsen, nach der Wende nach Namibia zurückgeschickt: Viele der sogenannten Ossi-Kids fühlen sich heute noch fremd im eigenen Land

Bundesarchiv, Bild 183-1989-0729-002 / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
von
Johannes Dieterich
Lesezeit 10 Min
Gesellschaft

KATUTURA. Paulus Ndahange sitzt auf einem Felsbrocken vor seiner Wellblechhütte und schlägt scheppernd die Nylon-Saiten einer Gitarre an. "If you don't know where you come from, you don't know where you go", singt Ndahange, ein großer Mann mit melancholischen Augen, und wiederholt die Strophe in akzentfreiem Deutsch: "Wenn du nicht weißt, woher du kommst, wie weißt du dann, wohin du gehst?" Es ist Freitagabend, sechs Uhr – im Township Katutura der namibischen Hauptstadt Windhuk bereiten sich die Leute auf eine der regen Wochenendnächte vor, die das armselige Leben im Slum etwas erträglicher machen sollen.

Paulus Ndahanges Augen sind schon jetzt gelb unterlaufen und feucht. Das kann sowohl am billigen Rotwein liegen, den der Musiker mit dem Künstlernamen Seppy Slam getrunken hat, als auch an den traurigen Melodien, die er seinem lausigen Instrument abtrotzt. "Ich habe schon genug geweint", fährt er mit heiserer Stimme fort: "Ich habe zahllose Niederlagen erlebt." Plötzlich verstummt er, als habe er sich gerade daran erinnert, dass er auf keinen Fall einen erbärmlichen Eindruck machen will. "Mir geht es eigentlich gut", sagt Ndahange und erhebt sich mit einem Ruck von seinem Felsensitz. "Ich habe ein Haus. Und die Leute lieben meine Musik."

Als wir uns tags zuvor in Windhuks Zoo-Park zufällig über den Weg liefen, erzählte der Sänger, dass er im Goethe-Institut Musik unterrichte. Ein kurzer Anruf ergibt, dass in dem deutschen Kulturinstitut gar keine…

Jetzt weiterlesen für 0,47 €
31.07.2015