Lesezeit 17 Min
Gesellschaft

Die neue allgemeine Verunsicherung

Eine Hochschule, die ein Gedicht entfernen will, weil Studierende es sexistisch finden; ein Professor, der sich kritisch über Flüchtlinge äußert und seitdem rechtsradikal genannt werden darf; „Safe Spaces“, in denen Männer keinen Zutritt haben – was ist los an den Berliner Unis?

BERLINER ZEITUNG / PAULUS PONIZAK
von
Anne Lena Mösken
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Gesellschaft

Das Büro von Bettina Völter, Prorektorin der Alice-Salomon-Hochschule, liegt im dritten Stock eines Neubaus. Von hier oben blickt sie wie von einem Leuchtturm aus weit bis nach Marzahn, unten eilen Studenten über einen gesichtslosen Platz, der an diesem Mittwochnachmittag trist im fahlen Novemberlicht liegt. Schräg unter Bettina Völters Fenster hängt ein rotes Transparent: „Menschenrechte, Menschenwürde, Menschlichkeit“, steht darauf. Wer von der Hellersdorfer Straße aus kommt, sieht es schon von Weitem.

In den vergangenen Wochen ist viel geredet worden über die Fassade der Alice-Salomon-Hochschule. Es ging dann nicht um dieses Transparent, sondern um ein Gedicht, das an der südlichen Seite des Gebäudes prangt, gut zu lesen von der U-Bahnstation aus. Es besteht aus vier spanischen Wörtern: Avenidas, Flores, Mujeres, un Admirador. Alleen, Blumen, Frauen, ein Bewunderer.

Bettina Völter atmet tief durch. Sie muss sich kurz sammeln, sie hat so viel erklären müssen, seitdem bekannt wurde, dass die Hochschule das Gedicht des bolivianischen Schriftstellers Eugen Gomringer entfernen lassen will. Studierende hatten im vergangenen Jahr darum gebeten; das Gedicht, schrieben sie der Uni, erinnere „unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind“, wirke wie eine „Erinnerung daran, dass objektivierende und potenziell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können“. Die Hochschule entschied sich dann, in einem Wettbewerb Ideen für eine Neugestaltung zu sammeln. Seitdem herrscht Ausnahmezustand.

„Dieses Gedicht, ausgerechnet an dieser Hochschule“, sagt Bettina Völter. Und meint damit, dass an der ASH Studierende für Berufe ausgebildet werden, in denen sie mit Menschen in Grenzsituationen arbeiten, mit Geflüchteten, Behinderten, auch Opfern sexualisierter Gewalt. Sie legen hier großen Wert auf Antirassismus und Antidiskriminierung. „Die Studierenden lernen bei uns auch sehr differenziert mit Geschlechterkonstruktionen umzugehen“, sagt Bettina Völter. „Muss dann ein Gedicht an der Fassade stehen, das dieses Thema so bewusst vereinfacht?“ Für sie ist das eine Frage der Glaubwürdigkeit.

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„Muss das denn an dieser Fassade stehen?“: Bettina Völter, Prorektorin der Alice-Salomon-Hochschule, versteht, warum Studenten Eugen Gomringers „Avenidas“ unangenehm finden.

Sie listet dann auf, was ihr und den Studierenden alles vorgeworfen wurde: Zensur,…

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11.11.2017