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Kultur

Die Kassandra von Berlin

Die Schriftstellerin Monika Maron bringt in ihrem neuesten Roman einen alten Krieg mit den Kämpfen der Gegenwart zusammen – den kleinen in einer Berliner Straße und den großen auch. Ihr Buch polarisiert. Eine Begegnung

By Heike Huslage-Koch [CC BY-SA 4.0], from Wikimedia Commons
von
Cornelia Geißler
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Kultur

Dieses Treffen hat eine Vorgeschichte. Es ist nicht einfach der Besuch bei einer Schriftstellerin, um über ihren neuesten Roman zu sprechen. Obwohl das Grund genug wäre. "Munin oder Chaos im Kopf" erhält sehr viele Leserreaktionen und ein großes Echo in den Medien. Vor dem Treffen bei Monika Maron in ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg gab es eine E-Mail von ihr mit der Frage: "Haben Sie die letzten beiden Sätze selbst geschrieben?" Dass ein Schriftsteller auf die Besprechung eines Buches reagiert, ist ungewöhnlich. In unserem Falle hat es damit zu tun, dass wir uns schon lange kennen: Seit 1991, als die Berliner Zeitung Monika Marons Roman "Stille Zeile Sechs" in Fortsetzungen abdruckte, und ich sie interviewte.

In Marons neuen Roman recherchiert eine freie Autorin über den Dreißigjährigen Krieg, während in deren Nachbarschaft über eine nervige, offenbar verwirrte Sängerin gestritten wird. Die Autorin versucht sich rauszuhalten, spricht stattdessen mit einer Krähe, die sie Munin tauft. Als eine junge Frau von Männern "südländischen Typs" angegriffen wird, bringt Marons Figur diese Nachricht zusammen mit einer Zeitungsmeldung, "dass man unter massivem Protest der linken Bewegung achtzehn von den Millionen jungen Männern, die man zuvor ins Land gelassen hatte, nun wieder in ihre Heimat befördert hatte, achtzehn von einer Million". Das veranlasste mich zu dem Urteil: "Diese Empörung zieht die Wirkung des Romans runter zu einem politischen Pamphlet. 2016 wurden laut…

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11.04.2018