Lesezeit 9 Min
Politik

Der Souverän

Michael Müller ist seit einem Jahr Regierender Bürgermeister von Berlin. Der einstige Zauderer hat die Lust am Durchgreifen entdeckt. Und von seinem Vorgänger Wowereit spricht niemand mehr

BERLINER ZEITUNG / MARKUS WÄCHTER
von
Jan Thomsen
,
Thomas Rogalla
und
Thorkit Treichel
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Politik

BERLIN. Manchmal ist selbst das ehrwürdige Abgeordnetenhaus von Berlin, Tagungsgebäude von 148 Landesparlamentariern der deutschen Hauptstadt, fast ein glitzernder Ort. Zumindest an diesem Donnerstagmorgen kann man den Eindruck gewinnen, weil die vielen Fotografen auf der Pressetribüne eifrig wie sonst nur Paparazzi aus der Promi-Welt ihre megalangen Brennweiten nach schräg unten auf die Regierungsbänke richten – dorthin, wo die neun Mitglieder des rot-schwarzen Senats Platz nehmen.

Zwei Männer dort unten zählen an diesem Tag zu den meistabgelichteten Berlins: Michael Müller, 51, SPD, Regierender Bürgermeister, seit exakt einem Jahr im Amt. Und Mario Czaja, 40, CDU, Sozialsenator, der in den vergangenen zwei Tagen einige der schwersten Stunden seiner Amtszeit hinter sich gebracht haben dürfte. Äußerlich lässt sich das der einstige Hoffnungsträger der Berliner Union, aufgewachsen im Ostteil der Stadt, nicht anmerken. Czaja blättert betont unbeteiligt in seinen Akten, als säße er rein zufällig hier. Er kritzelt mit seinem grünen Filzstift Notizen auf die Papiere, prüft sein Smartphone und zieht sich immer mal wieder zu Gesprächen mit Verwaltungsmitarbeitern an den Rand des Saales zurück.

Eine unerträgliche Situation

Scheinbar also alles normal, alles wie gehabt. Doch der Eindruck trügt. Czaja hat am Abend zuvor von Müller ein Ultimatum zu hören bekommen, wie es, gelinge gesagt, höchst unüblich ist in einer Koalition. Man…

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11.12.2015