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Kultur

Der Magier des Moments

Keine Filme, keine Fotos, kein Archiv: Wenn Tino Sehgals Kunstaufführungen beendet sind, gibt es sie nur noch in der Erinnerung. Mit seinen Inszenierungen aus Körpern, Bewegungen, Stimmen hat es der Deutsch-Brite zu Weltruhm gebracht. Nun bespielt er den Berliner Martin-Gropius-Bau

BERLINER ZEITUNG / PAULUS PONIZAK
von
Ingeborg Ruthe
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Kultur

BERLIN. Sehgal duldet es freundlich gelassen, dass wir uns in seine Probe eingeschlichen haben wie Diebe. Er fragt auch nicht, ob wir ein Handy dabeihaben, mit dem wir Fotos machen könnten. Er erwartet, dass man akzeptiert, dass es bei ihm keinerlei Dokumentation, keinen Mitschnitt gibt. Das ist keine Marotte, das ist sein strenges Konzept. Dass Leute seine Arbeit dennoch heimlich filmen und ins Netz stellen, ärgert ihn, aber er kann es nicht verhindern.

Vier Frauen und zwei Männer, junge und ältere, sitzen auf dem Fußboden im Kreis, und er, der Zeremoniemeister im Kapuzenpulli, ein wenig außerhalb. So, als wolle er bloß nicht so direkt eindringen in das fragile Gebilde aus Körpern, Bewegungen, Stimmen und Gesten.

Behutsam, aber bestimmt demonstriert er, wie Hände im Singsang-Takt gestikulieren. "Weicher" müssten die Bewegungen hier sein, sagt Tino Sehgal leise. Und da sollten sie wieder konturierter werden, wenn der rhythmische Laut-Gesang anschwillt: "Atsch, aatsch, aaatsch!" Das klingt eindringlich, fast beschwörend.

Das Stück erzählt von einer Frau, die sich ganz allein auf einen ungewissen, unwägbaren Weg macht, in ihrer warmen Altstimme vibriert so etwas wie Furcht, die Bewegungen, die verstärkenden Stimmen der anderen scheinen ihr aber Mut zu machen. Und das tun auch die knappen Hinweise des "Regisseurs", ja, als solcher sieht er sich für diese "Körper-und Lautmalerei" seiner Darsteller.

Unvermittelt fällt Sehgal, halb Brite…

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26.06.2015