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Gesellschaft

Der bedrohte Paradiesvogel

Barbaros Sansal ist der bekannteste Designer der Türkei. Er ist all das, was die Nationalisten hassen: gebildet, nicht gläubig und schwul. Und ein Kritiker von Präsident Erdogan. Eine Begegnung im Brüsseler Exil

By Jwslubbock (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
von
Frank Nordhausen
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Gesellschaft

Brüssel. Ein Jahr ist es her, dass Barbaros Sansal fast getötet worden wäre. Am 2. Januar 2017 wurde der türkische Modedesigner auf dem Atatürk-Flughafen von Istanbul von einem aufgehetzten Mob attackiert. Man hatte ihn aus dem türkisch besetzten Nordzypern deportiert, wo er Silvester gefeiert und eine wütende Mitteilung an seine rund 300 000 Follower auf Twitter geschickt hatte: "Ersticke an deiner Scheiße, Türkei!" Regierungsnahe Medien hatten ihn daraufhin zum Freiwild erklärt. "Der Verräter soll büßen", schrieb ein Zeitungskolumnist. Auf dem Rollfeld wartete eine Gruppe bewaffneter Schläger auf ihn. Sie droschen seinen Kopf mehrfach auf den Betonboden.

"Sie wollten mich lynchen und hätten es beinahe geschafft", erzählt Barbaros Sansal in einem Café der belgischen Hauptstadt Brüssel, seiner zweiten Heimat. Er spricht schnell, gestikuliert viel, die Erlebnisse sind ihm noch nah. Im Gefängnis hat er ein Buch darüber geschrieben. Es trägt den Titel "Lynch" und ist in der Türkei ein Bestseller. Vier Zähne haben ihm die Angreifer ausgeschlagen, Sansal hat sie ersetzen lassen. Die äußeren Wunden sind vernarbt. Die Verletzungen im Innern, sie heilen nur langsam.

"Seit jenem Tag verabschiede ich mich jeden Tag ein Stück mehr von der Türkei. Mein Leben ist dort in Gefahr", sagt Sansal. Er ist 60, wirkt aber viel jünger. Gerade hat er seine Modefirma von Istanbul nach Brüssel transferiert, um als ausländischer Investor offizielles Bleiberecht…

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12.01.2018