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Gesellschaft

Das Dorf wird leer

Zehntausende junge Männer aus Afrika machen sich auf den Weg nach Europa. Was geschieht mit den Orten, die sie verlassen? Eine Spurensuche in Gambia

Vladimir Zhoga / Shutterstock.com
von
Johannes Dieterich
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Gesellschaft

In den Geschichtsbüchern wird Abdulaie für immer eine bloße Nummer bleiben. Einer von mehr als 5 000 Menschen, die im vergangenen Jahr bei ihrem Versuch, nach Europa zu gelangen gescheitert sind - und im Mittelmeer ertranken.

"Hier hat er mir erzählt, dass er bald losziehen würde", sagt Lamin und zeigt auf eine Holzbank, die am Ufer des mächtigen Gambia-Flusses steht: "Ich habe es ihm nicht geglaubt."

Für sein Misstrauen hatte der Hausmeister einer verwaisten Touristen-Lodge gute Gründe. Lamins bester Freund führte ein Leben, um das ihn viele beneideten: Der Touristenführer hatte einen guten Job, kam im ganzen Land herum, verdiente nicht schlecht und fuhr abends mit dem Auto seines Vaters durch die Gegend. Trotzdem war Abdulaie wenige Tage später weg.

Da habe er natürlich gleich gewusst, was Sache ist, sagt Lamin. Und mit ihm alle anderen Einwohner des knapp hundert Kilometer östlich der gambischen Hauptstadt Banjul gelegenen Dorfs Bintang Bolong.

Es kommt hier ständig vor, dass ein junger Mann verschwindet. Bereits lange vor Abdulaie hatte sich Lamins jüngerer Bruder auf den langen Weg gemacht, ihm folgten zwei Söhne des Dorfchefs Bakari Ceesay, dann ein Kollege des Kunstlehrers Hassan Jarju. In fast jeder Familie Bintang Bolongs fehlt inzwischen mindestens ein männlicher Spross: Manchen Dörfern, klagen Kenner des Landes, sei eine ganze Generation junger Männern abhandengekommen. Dann sind Frauen, Kinder und Alte auf sich selbst…

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24.02.2017