Lesezeit 10 Min
Politik

Auf dem Sprung

Am Sonntag wird in der Türkei ein neues Parlament gewählt. Die kurdische Partei HDP will die Zehn-Prozent-Hürde überwinden. Schafft sie das, wird es nichts mit Erdogans Plänen eines Präsidialsystems. Das könnte der Anfang von seinem Ende sein

BERLINER ZEITUNG/FRANK NORDHAUSEN
von
Frank Nordhausen
Lesezeit 10 Min
Politik

DANA. Die Wucht der Bombe war so stark, dass sie die Fassade im zweiten Stock wegriss. Wären Menschen im Raum gewesen, sie hätten die Explosion wohl nicht überlebt. "Wir hatten unglaubliches Glück, nur zwei Kollegen wurden verletzt", sagt Cemil Yapiz, ein schmaler, zurückhaltender Mann. Er redet schnell, der Schock ist ihm auch zehn Tage nach dem Anschlag noch anzumerken. Der 71-jährige Kurde geht durch die verwüsteten Räume des Fünfzigerjahre-Baus, Hauptquartier der linken, prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP) in der südtürkischen Zweimillionenstadt Adana. Er berichtet, wie er selbst den Blumentopf mit der darin versteckten Bombe tags zuvor von einem Boten entgegennahm und im Versammlungsraum abstellte. Er sagt: "Die Täter wussten genau, wann unsere Sitzung mit 30 Leuten stattfinden sollte. Zum Glück wurde die Besprechung ein Stockwerk höher verlegt."

Exakt zur selben Zeit wie in Adana ging am 18. Mai auch in der HDP-Zentrale in der siebzig Kilometer entfernten Großstadt Mersin am Mittelmeer eine Bombe hoch. In Mersin wurde niemand verletzt, weil ein Mitarbeiter in dem Blumengeschenk eine Abhörwanze vermutete und den Topf in den Garten gestellt hatte. Die Explosionen erschütterten die ganze Türkei vor den Parlamentswahlen am Sonntag. Sie warfen unheilvolle Schatten über das Land.

grafik_tuerkei.png

Jetzt weiterlesen für 0,47 €
04.06.2015