Lesezeit 8 Min
Gesellschaft

Als Hitler plötzlich ins Pflegewohnheim kam

Eine Geschichte über Hilal, Aishe, Mohammed und meine Mutter – die Besichtigung eines Sozialsystems

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von
Harry Nutt
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Gesellschaft

In dem Pflegewohnheim, in dem ich seit einigen Monaten meine Mutter besuche, verläuft die Gesprächsanbahnung oft über die Feststellung einer physiognomischen Ähnlichkeit zwischen ihr und mir. "Dein Mutter, wie alt?" fragt ein aus einem westafrikanischem Land stammender Rollstuhlfahrer. Er ist jünger als die meisten in der Wohneinheit, womöglich hatte er einen Unfall und die Gehbehinderung stellt nur ein vorübergehendes Handicap dar. "Im Sommer wird sie 98", sage ich. Die Zahl entlockt ihm ein anerkennendes Nicken, und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Sie hat Hitler gesehen." Ich wundere mich über das plötzliche Auftauchen Hitlers, vermag aber keinen Argwohn in der Feststellung zu erkennen, auch wenn die Bestimmtheit der Aussage nicht den Charakter einer vorsichtigen Frage zu haben schien.

"Persönlich nicht", sage ich, bin aber nicht ganz sicher, ob er meine Einschränkung versteht. Ich bin derart verblüfft, dass ich kurz überlegen muss. In unserer Familienerzählung ist jedenfalls nicht überliefert, dass Hitler die Kleinstadt im Sauerland besucht hat, in der meine Mutter aufgewachsen ist. "Sie hat Hitler gesehen", wiederholt er noch einmal, und ich bin geneigt, es als eine Art Würdigung des Alters und nicht als Unterstellung einer immer noch vorhandenen Nazi-Gesinnung aufzufassen. Meine Mutter vermag aufgrund ihrer Schwerhörigkeit unserer kurzen Unterhaltung nicht zu folgen, also sage ich ihr, dass er eine Ähnlichkeit zwischen uns festgestellt habe. "Er hat…

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14.04.2018